Alles OK bei KiK?

Nachdem die Medien in der letzten Zeit intensiv über die Praktiken des Textil-Discounters berichteten, der seine Zentrale hier in Dortmund hat, gelobte das Unternehmen kürzlich Besserung. Besonders eine Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks, die noch in der ARD-Mediathek abrufbar ist, löste bundesweit große Entrüstung und eine Vielzahl von Boykottaufrufen aus. Der wirklich empörende 30-Minuten-Beitrag, dessen Ausstrahlung KiK-Geschäftsführer Stefan Heinig bis zuletzt gerichtlich verbieten lassen wollte, zeigt schockierende Zustände. Die  Billigkette mit knapp 3000 Filialen beutet ihre Mitarbeiter ebenso erbarmungslos aus wie die Näherinnen, die in Bangladesh und anderswo für Hungerlöhne im Akkord schuften. Dabei drückt KiK seine Lieferanten im Preis derart rigoros, dass andere Discounter dagegen harmlos wirken.

Mehrfach haben Gerichte entschieden, dass der Lohn von 5,20 Euro, den das Unternehmen seinen Teilzeitkräften zahlt, sittenwidrig ist. Bereits 2008 verurteilte das Arbeitsgericht Dortmund KiK dazu, den Verdienst einer Verkäuferin um 3 Euro auf 8,20 € anzuheben und die Differenz für vier Jahre nachzuzahlen. Nach dem Imageverlust der letzten Wochen hat der Discounter nun angekündigt, den Mindestlohn für alle Mitarbeiter demnächst auf 7,50 € zu erhöhen. Die Anpassung ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, der Betrag liegt aber immer noch unterhalb der Vorgaben des Gerichts und somit im sittenwidrigen Bereich.

Außerdem berichtete das ZDF-Magazin Frontal21 am 24. August, dass KiK die nachträglich fälligen erhöhten Sozialversicherungsbeiträge für die Klägerin nicht an die Rententräger abgeführt hat. Damit steht KiK aber nicht allein. Mehr als eine Million Menschen arbeiten in Deutschland für sittenwidrig geringe Löhne. Den Sozialversicherungskassen entgehen dadurch pro Jahr rund 1,9 Milliarden Euro – Einbußen, die meist durch Steuergelder ausgeglichen werden müssen. Nur wer seinen Arbeitgeber mit Erfolg verklagt – bei KiK waren es bisher erst zehn von 18.000 Mitarbeitern – kommt auch in den Genuss höherer Rentenbeiträge. Zumindest theoretisch, wie der Bericht von Frontal21 zeigt.

Verona Pooth wirbt für die Läden von KiK mit dem Versprechen, man könne sich dort für 30 Euro komplett neu einkleiden. Das ist ungefähr der Betrag, den Näherinnen in Bangladesh bekommen – für einen Monat harter Arbeit, oft unter gesundheitsschädlichen und unmenschlichen Bedingungen. 3500 Taka monatlich zahlen die Lieferanten von KiK den Frauen, die pro Woche sechs Tage und mindestens neun Stunden lang schuften. Dieser Betrag reicht kaum aus, um sich davon zu ernähren, besonders jetzt, wo internationale Spekulanten die Preise für Reis und Weizen erneut aus purer Profitgier in die Höhe treiben. Vereinzelte Streiks für den gewerkschaftlich geforderten Mindestlohn von 5000 Taka – das entspricht etwa 50 Euro – wurden in Bangladesh mit großer Härte niedergeschlagen, Gewerkschaftler mit dem Tode bedroht.

Aber nicht nur KiK produziert dort unter ausbeuterischen Bedingungen, H&M lässt seine Kollektionen ebenfalls in Bangladesh fertigen. Hosen mit einem Verkaufspreis von 29,99 € kosten im Einkauf rund 300 Taka, ein Zehntel des Ladenpreises. Haben wir alle nicht längst genug Klamotten im Schrank? Warum gibt es kaum preiswerte Kleidung, an der nur Schweiß und kein Blut klebt? Wer kann sich ernsthaft über eine Jeans für 7,99 € freuen, wenn die Frau an der Nähmaschine für ihre Arbeit nur 14 Cent pro Stunde kriegt und davon ihre Kinder nicht satt bekommt?

Ich kaufe nicht bei KiK und kann es auch nicht empfehlen. In meinem Schrank hängt Kleidung, die schon etliche Jahre alt ist und trotzdem noch ordentlich aussieht. Muss es denn immer die neueste Mode sein, brauchen wir wirklich so viel Zeug? Obwohl wir ziemlich gut wissen, unter welch menschenverachtenden Bedingungen es hergestellt wird? Wir sollten uns beim nächsten Einkaufsbummel an die Näherinnen in Bangladesh erinnern und außerdem daran denken, dass beim Anbau von Baumwolle extrem viel Wasser, Dünger und Pestizide verbraucht werden.

26. August 2010 - 10:11

Kommentare

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Die Sache mit KIK hat keine "richtige" Lösung.
Entweden man weigert sich Kleidung bei KIK zu kaufen oder man kauft bevorzugt bei KIK ein, um den Näherinnen wenigstens einen kleinen finanziellen Bonus zukommen zulassen. Ich kenne mir zwar nicht so in den asiatischen Sozialversicherungssystemen aus aber, wenn die Stelle der Näherin gestrichen würde, könnte sie ihre Familie gar nicht unterstützen.