Alltag & Konsum
Schneller, höher, weiter
Seit Beginn der Industrialisierung vor rund 200 Jahren hat sich der menschliche Alltag radikal verändert. Vieles ist bequemer geworden, fast alles geht schneller, aber eine Menge Dinge sind komplizierter als früher. Nicht immer sind die Segnungen der Neuzeit tatsächlich auch ein Segen, manches wird sogar zum Fluch. Moderne Waschmittel bekommen jeden Fleck heraus, aber die enthaltenen Phospate verschmutzen das Wasser und bringen, genau wie zuviel Stickstoff aus der Landwirtschaft, schädliche Algen zum Wuchern. Kaum ein Autofahrer würde freiwillig auf seinen Wagen verzichten, aber die meisten stehen fast jeden Tag im Stau. Man kann mit dem Billigflieger übers Wochenende in fremde Städte jetten, aber die günstigen Tickets sind meist schon vergriffen und das schlechte Gewissen fliegt mit. Denn wir wissen – wenn die Menschen in Schwellenländern wie Indien oder China genauso mobil werden, wie wir autoverliebten und reiselustigen Deutschen, dann ist der Klimakollaps garantiert.

Mehr ist nicht unbedingt besser
Einerseits können wir aus einer schier unermesslichen Vielfalt von Produkten und Dienstleistungen wählen, andererseits sorgt diese Vielfalt für Stress. Wir müssen ständig vergleichen, abwägen, entscheiden und andauernd lernen, wie die neuen Geräte funktionieren. Kaum hat man sich an sie gewöhnt, sind sie entweder veraltet oder kaputt. Immer im Trend liegen und mit der Mode gehen, nur nichts verpassen und stets mit den neuesten Entwicklungen Schritt halten zu wollen – das kann sehr anstrengend sein. Im Kühlregal stehen fünfzig Joghurtvarianten, ein gut sortierter Supermarkt führt 150 verschiedene Käsevarianten und mindestens ebenso viele Wurstsorten. Diese Vielfalt ist in allen Bereichen alltäglich, was keinen Käufer findet, wird verramscht oder landet im Müll. In Wien wird jeden Tag genug altbackenes Brot entsorgt, um damit Graz – die zweitgrößte Stadt Österreichs mit einer Viertelmillion Einwohnern – komplett zu versorgen.
Der Fortschritt fordert seinen Preis
Das Leben im Überfluss ist hektischer und lauter geworden, trotz all der neuen Bequemlichkeit ist es ziemlich anstrengend. Der neue Mangel, auch schon bei jungen Menschen, ist das Fehlen von Zeit. Wir haben zu viele Möglichkeiten, es gibt zu viel zu tun, zu viel Auswahl. Viele fühlen sich getrieben, ständig unter Druck, können nicht abschalten, haben sogar Freizeitstress. Aber die Entwicklung kennt heutzutage nur eine Richtung – schneller, höher, weiter, mehr. Entspricht das unseren Bedürfnissen, unserer Natur? Wäre ein langsameres Leben, wären maßvoller Wohlstand und weniger Überfluss womöglich besser? Ist mehr Lebensqualität bei weniger Konsum möglich?
Shopping gehört für viele Leute zum Lifestyle, man verbringt einen Teil der Freizeit beim Einkaufen. Konsum verbindet, denn bestimmte Waren – speziell Markenprodukte – sind gerade für Jugendliche unverzichtbar. Konsum trennt auch, denn wer sich Trendiges nicht leisten kann, steht schnell im Abseits. Die Vielfalt der Waren nimmt ständig zu, gleichzeitig haben wir uns an schlechte Produkte gewöhnen müssen – an giftiges Kinderspielzeug, verunreinigte Lebensmittel, krankmachendes Fastfood und elektronischen Plunder, der oftmals gerade bis zum Ende der Garantiezeit hält. Autos werden mit jedem Modellwechsel größer, stärker und schneller, Computer leistungsfähiger, Technik komplexer. Man kauft jedes zweite Jahr ein neues Handy, jährlich Schuhe nach der aktuellen Mode, ständig neue Kleidung, obwohl im Schrank kaum noch Platz ist. Brauchen wir all das wirklich?
Der Sinn des Lebens: Konsumieren
Gigantische Warenströme bewegen sich Tag für Tag um die Erde. Unzählige Lastwagen, Frachtschiffe und Flugzeuge transportieren Dinge von dort, wo die Löhne am niedrigsten sind, dahin, wo die besten Preise gezahlt werden. Die meisten Dinge landen nach kurzer Zeit im Abfall, nur wenige Prozent aller in Amerika verkauften Güter existieren nach sechs Monaten noch. Sie sind im Hausmüll gelandet, 200 Millionen Tonnen pro Jahr allein in den USA. Enorme Mengen von Energie und Rohstoffen werden für Produktion und Transport von Dingen verbraucht, die im Grunde überflüssig oder sogar schädlich sind und weltweit die Müllberge wachsen lassen. Doch kaum jemand möchte auf sie verzichten.

Die Lebensweise der Konsumgesellschaften, wie sie sich seit Mitte des letzten Jahrhunderts weltweit ausbreitet, entwickelt sich zur globalen Bedrohung. Sie zerstört die Umwelt, belastet das Klima, vertieft die Gegensätze zwischen arm und reich, täuscht und entmündigt die Menschen. Im Materialismus der Neuzeit hat der Einzelne vor allem die Rolle des Konsumenten. Wir sollen all diese wundervollen Dinge kaufen, die in rasendem Tempo von unzählige Fabriken ausgestoßen und laufend durch neue, angeblich bessere Produkte ersetzt werden. Unsere Lebensaufgabe besteht im Konsumieren, damit die Umsätze und Profite der Unternehmen wachsen können, damit die Produktionsmaschinerie nicht stockt.
Unzufrieden im Überfluss
Nun hat sich jedoch gezeigt, dass Menschen trotz steigendem Konsum nicht glücklicher sind. Im Gegenteil, die individuelle Zufriedenheit stagniert in den Industrieländern seit etwa fünfzig Jahren oder nimmt sogar ab. Sobald die wichtigsten Bedürfnisse befriedigt sind, lässt sich das Lebensglück nicht durch zusätzliche materielle Güter steigern. Natürlich freut man sich über das erste Fahrrad und erinnert sich vielleicht sein Lebtag daran. Auch der Schritt vom Rad zum Moped und dann zum ersten Auto sind große Ereignisse im Leben des mobilen Menschen, aber danach lässt sich die Zufriedenheit kaum noch steigern.
Im Gegenteil, der neue Wagen bekommt Kratzer, das teure Rennrad wird gestohlen, die modernen elektronischen Geräte sind hochkompliziert und überfordern den Benutzer. Die ständige Verfügbarkeit von Speisen, die zu viel Fett, Salz, Zucker und Chemie enthalten, macht Konsumenten krank. Von allen Seiten prasseln die Werbebotschaften auf uns ein und sagen immer nur eines: „Du bist unzulänglich, weil du dieses Produkt nicht besitzt. Kauf es und du wirst glücklicher sein!“ Wir wissen, dass diese Versprechen meist Lügen sind, und fallen dennoch immer wieder darauf herein.
Verzicht ist tabu
Das Wort Verzicht ist für viele Menschen ein Tabu. Verzicht ist schlecht, uncool, umsatzschädlich. Nur wenn die Wirtschaft wächst, wenn die Umsätze steigen, geht es uns allen gut. Stimmt das wirklich? Weshalb reisen wir so gern in jene Länder, in denen die Menschen viel einfacher und ursprünglicher leben, als wir in unserem stressigen Paradies des ewigen Überflusses? In Asien bewundern wir die Schlichtheit buddhistischer Mönche, wir hätten gern mehr Zeit, sehnen uns nach Ruhe und Klarheit. Ferien auf dem Bauernhof, eine Fastenkur, Meditation – all dies hat mit Verzicht zu tun. Verzichten kann also gut tun und sehr heilsam sein.

Wir sollten uns darüber klar sein, dass unser Lebensstil und Konsumverhalten bedeutende Auswirkungen auf die globalen Probleme hat. Und dabei schaden nicht nur die messbaren Umweltbelastungen durch Mobilität und Produktion, sondern auch die krassen sozialen Gegensätze. Studien belegen: Je größer die Einkommens- und Statusunterschiede in einem Land sind, desto höher ist dort der Bevölkerungsanteil mit sozialen, psychischen und gesundheitlichen Problemen. Ungleichheit erzeugt Stress und Spannungen, sie macht Gesellschaften krank. Deshalb wundern wir uns im Urlaub über die freundlichen Menschen in der Dritten Welt, wo viele gerade genug zum Überleben haben, und fragen uns, warum in den hochentwickelten Industrienationen so viel Unzufriedenheit herrscht.
Was innerhalb eines Landes stimmt, kann auch global nicht falsch sein. Ungleichheit und Ungerechtigkeit erzeugen Konflikte und Spannungen. Im Informationszeitalter wissen die Menschen in jenen Ländern, wo Kindersklaven den Kakao für unsere Schokolade ernten, Kaffeebauern durch Preiskämpfe in den Ruin getrieben werden oder junge Frauen für Hungerlöhne teure Markenjeans zusammennähen, sehr genau, in welch verschwenderischem Reichtum wir in den Industrieländern leben. Das Fernsehen trägt Bilder um die globalisierte Welt, auch in die Slums und Elendsquartiere. Neid und Verachtung sind die natürliche Folge, Hass und Terrorismus ebenso.
Jeder verzichtet und alle gewinnen
Armut und Ausbeutung, Umweltzerstörung und Hunger, Flucht und Vertreibung, und natürlich der Klimawandel – was, wo und wie wir konsumieren, hat direkte oder indirekte Auswirkungen. Mehr ist nicht automatisch besser, Besitz macht nicht unbedingt glücklich. Gemäßigter und bewusster Konsum ist Teil der Lösung für die globalen Probleme, deren Wurzel auch in unsinniger Verschwendung und maßloser Profitgier liegt. Wir müssen umdenken. Das gilt fürs Reisen, den Energieverbrauch, unseren Verzehr von Fleisch, Fisch und Milchprodukten, aber natürlich auch für den Konsum einer Unzahl von Produkten, die unter ausbeuterischen Bedingungen produziert werden. Auch in diesem Punkt brauchen wir ein neues Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und weltweiten Solidarität. Weil friedliche Veränderungen und die Lösung der globalen Probleme anders nicht möglich sind.
- 535 Aufrufe










