Ellenbogengesellschaft 2.0
Es wird ja viel geschimpft und gemeckert über „die da oben“, und leider gibt die gegenwärtige Regierung mit ihrer dreisten Klientel- und Lobbypolitik reichlich Anlass dazu. Offenbar sind in Berlin die Banken, Energieerzeuger, Hotelbesitzer und Pharmakonzerne deutlich wichtiger als beispielsweise allein erziehende Hartz-IV-Empfängerinnen, denen wegen angeblicher Sparzwänge das Elterngeld gestrichen wird. Eine komplette Liste aller sozialen Grausamkeiten und ökologisch unsinnigen Entscheidungen der letzten Monate würde sehr lang ausfallen, aber was ist eigentlich mit „uns hier unten“? Verhalten wir uns komplett anders als die geschmähten Politiker und Wirtschaftbosse?
Klimawandel auch in der Gesellschaft
Darauf kann es keine einfache Antwort geben. Generalisierungen nach dem Muster „alle x sind oder tun y“ enthalten wenig Wahrheit – wer nur das große Ganze aus der Distanz betrachtet, erkennt meist die feinen Unterschiede und Details nicht. Gewiss ist jedoch, dass sich nicht nur das Erdklima ändert, sondern auch das gesellschaftliche Klima permanenten Veränderungen unterworfen ist. Sie sind wohl nicht so leicht mess- und beweisbar wie der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur oder das stetige Abschmelzen der arktischen Eisfelder, aber auch sie finden mit absoluter Sicherheit statt. Und ähnlich wie beim Klimawandel kommt es auch beim Gesellschaftsklima auf jeden Einzelnen an. Auch dort wirken sich viele, für sich allein betrachtet unbedeutende Handlungen in der Summe verheerend oder hilfreich aus.
Einer meiner Hausbewohner ist gehörlos und hatte vor zwei Monaten einen Wasserschaden in seiner Wohnung. Mitten in der Nacht war der Zulauf seiner Waschmaschine undicht geworden, er hatte das Rauschen natürlich nicht gehört und das Wasser war durch die Decke bis ins Erdgeschoss gelaufen. Neulich stand dieser Nachbar vor meiner Tür und zeigte mir ein Schreiben, in dem stand, dass die Versicherung jede Haftung ausschließt. Er war ziemlich verzweifelt und bat um meine Hilfe. Nach einigen Telefonaten mit der Versicherung rief ich vorgestern den zuständigen Sachbearbeiter unserer Wohnungsgenossenschaft an, und erklärte ihm den Fall. Und war sehr überrascht, denn anders als erwartet reagierte der nicht mit dem üblichen „Wenn Sie nicht selbst der Wohnungsinhaber sind, kann ich Ihnen aus datenschutzrechtlichen Gründen leider keine Auskunft geben“. Stattdessen lobte er mich ausdrücklich und sprach mir seine Anerkennung aus. Die Genossenschaft würde sich mehr solcher Mieter wünschen, die einander beistehen und sich gegenseitig unterstützen.
Gladiatorenkämpfe
Schnell kamen wir ins Gespräch und er beklagte die zunehmende Rücksichtslosigkeit allerorten. „Überall im Verkehr wird gedrängelt und gehupt, man wird geschnitten und ausgebremst, bloß damit jemand ein paar Sekunden früher am Ziel ist.“ Mir fiel sofort jener Mann ein, der mich am Vortag mit seinem Rennrad fast über den Haufen gefahren hatte. Ein sportlicher Herr, bestimmt über fünfzig Jahr alt, raste im teuren Trainingsdress über den Gehweg. Ob er wenigstens ein „Tschuldigung“ über die Schulter gerufen hat? Raten Sie mal. Übrigens, 1991 reiste ich für einige Monate mit dem Auto durch die USA und hatte hinterher, obwohl ich ein routinierter und keineswegs ängstlicher Fahrer bin, große Schwierigkeiten, mich wieder an den aggressiven deutschen Straßenverkehr zu gewöhnen. Manche Leute scheinen mit derselben inneren Haltung hinterm Steuer zu sitzen, mit der einstmals die Gladiatoren im alten Rom die Arena des Kolosseums betraten. Sieg oder Tod.
Seit 1998 verbringe ich jedes Jahr viele Wochen oder sogar Monate in Nepal, einem der ärmsten Entwicklungsländer Asiens. Den Kulturschock bekomme ich aber regelmäßig, wenn ich wieder in Frankfurt gelandet bin, spätestens im Zug nach Dortmund. Wohin man schaut – überall hängende Mundwinkel und verbiesterte Gesichter, oder zumindest cooles Desinteresse. Jeder ist so mit seinen eigenen Interessen beschäftigt, dass die Frostigkeit und Distanz mich jedes Jahr von Neuem überrascht. Man könnte fast glauben, hier in Deutschland litten die Menschen unter existenzieller Not, nicht in Nepal. Dort existiert zwar auch keine ideale Gesellschaft, aber die Menschen sind erheblich fröhlicher und teilnahmsvoller. Und das bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von etwa 350 Euro pro Kopf. Allerdings verspüre ich seit einigen Jahren zumindest in der Hauptstadt Kathmandu ein raueres und egoistischeres Gesellschaftsklima, seit der Lebensstil westlicher wurde und zunehmend vom Konsum geprägt wird. Besteht da womöglich ein Zusammenhang?
Gutmenschen
1976 erschien „Haben oder Sein“ von Erich Fromm in der deutschen Übersetzung. Meine Taschenbuchausgabe von 1980 stammt aus der 7. Auflage, 331. bis 380. Tausend steht neben dieser Angabe. Wie viele Menschen weltweit mögen dieses und andere kluge Bücher zum selben Thema gelesen haben? Und dennoch geht es den Menschen anscheinend immer mehr um das Haben, statt um ihr Sein. Könnte ich wählen, würde ich wohl lieber in der Gesellschaft des Jahres 1976 leben, auch wenn ich dann nochmals für das Abitur büffeln müsste. Damals war längst nicht alles besser, aber manche soziale Utopie war noch lebendig und ich kann mich nicht an jene abgebrühte Rücksichtslosigkeit erinnern, die heute alltäglich ist. Heutzutage ist Gutmensch ein Schimpfwort, zumindest verspottet man Leute damit. Bin ich ein naiver Gutmensch, weil ich meinem Nachbarn helfe, obwohl er bald ausziehen wird und ich nicht auf eine Gegenleistung hoffen kann? Sollte ich meine Ellenbogen stärker einsetzen und mehr drängeln, egal ob auf der Autobahn, im Supermarkt oder am Hotelbuffet? Damit ich vorankomme, damit meine Bedürfnisse gestillt werden? Doch wohl kaum.
Zu meinen und sicher auch zu Ihren Bedürfnissen gehört vor allem, mich in diesem Land wohl fühlen zu können. Dazu zählt ein friedliches und respektvolles Miteinander, ein Mindestmaß an Höflichkeit und Rücksichtnahme, und ab und zu ein bisschen gegenseitige Hilfestellung. Ich bin froh, dass alle Mieter in meinem Haus guten Kontakt miteinander pflegen und hoffe, auch die zukünftigen Mitbewohner werden hilfsbereit sein. Was im Kleinen stimmt, gilt meiner Meinung nach auch im Großen. Die Menschheit muss in den nächsten Jahrzehnten gigantische Herausforderungen meistern, allein um den weltweiten Klimawandel, die Verknappung wichtiger Ressourcen und das globale Bevölkerungswachstum zu bewältigen. Dabei wird es vor allem auf Kompromissbereitschaft und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit ankommen, denn mit energischem Ellenbogeneinsatz lassen sich wohl kaum Lösungen für die gemeinsamen Probleme der Menschheit finden.
Marathonlauf ohne Ellenbogeneinsatz
Ein Freund von mir läuft demnächst wieder einen Marathon, diesmal in Berlin. Wenn zehntausend oder mehr Läufer nahezu gleichzeitig auf die Strecke gehen und keine Rücksicht aufeinander nehmen, kommt es zu schweren Stürzen und hässlichen Verletzungen. Vielleicht kann man unsere globale Situation ähnlich sehen: Wir haben eine lange und beschwerliche Strecke vor uns, einen Weg, der viel Kraft kosten wird. Nur wenn wir fair sind und weder dem Nachbarn die Ellenbogen in die Rippen knallen noch dem Vordermann auf die Hacken treten, haben alle eine Chance, das Ziel zu erreichen. Seien wir doch ruhig mal Gutmensch, auch wenn die knallharten Egoisten darüber spotten. Mich hat die Anerkennung des Sachbearbeiters unserer Wohnungsgenossenschaft gefreut und mein Nachbar wird wahrscheinlich nicht für den Wasserschaden zahlen müssen.
Vor ein paar Jahren las ich an einer Autobahnbrücke diesen Satz: „Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau!“ Sinngemäß besteht die Gesellschaft eben nicht aus mir und den anderen, aus denen da oben und denen da unten, sondern aus uns allen. Die Anderen kann ich nicht verändern, mich schon. Vor allem kann ich mich so verhalten, wie ich von den Anderen behandelt werden möchte. Ich kann das Klima schonen, indem ich auf schädliche Angewohnheiten verzichte und sinnvolle Dinge tue. Genauso kann ich, kann jeder das Gesellschaftsklima durch kleine Handlungen verbessern. Öfter mal die Ellenbogen einfahren hilft. Den Anderen und mir.
- Anmelden oder Registrieren zum Kommentieren
- 1455 Aufrufe











