Empört euch ruhig!

Genau ein Jahr ist es her, seit hier zuletzt ein neuer Beitrag erschien. Gründe für die lange Pause gibt es genug, vor allem aber war es das erschreckend geringe Interesse, das diese Plattform wecken konnte. In meinem letzten Blogeintrag mit der Überschrift 100 Tage GlobalUturn schrieb ich, dass die Besucherzahlen auf einem bedauerlich niedrigen Niveau stagnieren würden. Das war recht diplomatisch ausgedrückt. Besonders enttäuschend fand ich, dass sogar einige jener Menschen, die das Projekt von Anfang an kannten, angeblich für sehr sinnvoll hielten und daran mitwirkten, sich niemals als Nutzer angemeldet haben. Frustrierend, wenn man hunderte von Stunden unbezahlter Arbeit in solch ein Projekt investiert hat.

Neulich kam eine leicht empörte Anfrage über das Kontaktformular. In recht flapsigem Tonfall fragte jemand, ob wir aufgegeben hätten oder zum Schweigen gebracht wurden. Zum Schweigen gebracht? Schön wär’s, denn hätte man ja wenigstens Notiz von uns genommen. Wörtlich schrieb der User: „Habt ihr aufgegeben oder wurdet ihr zum Schweigen gebracht? Hat man euch eine Hirnwäsche gemacht, oder werdet ihr fürs Schweigen bezahlt? Wäre interessiert daran, was da los ist im Twitter und mit euch! Mit freundlichen Grüßen, Christian“ Meine Antwort war ähnlich flapsig: „Hallo Christian, wir werden gar nicht bezahlt und schalten die Webseite außerdem demnächst ab. Weil sich kaum eine Sau dafür interessiert oder aktiv daran beteiligen möchte. Mit freundlichen Grüßen, Johannis“

Die Illusion, mit GlobalUturn etwas bewegen zu können, ist längst verpufft. Weltweit stehen die Zeichen schlecht, wenn es um den Kampf gegen den globalen Klimawandel geht. Im April, während halb Thailand unter Wasser stand und Europa Rekordwerte bei der Frühlingserwärmung erreichte, trafen sich in Bangkok die Delegationen aus 163 Staaten, um über globalen Klimaschutz zu verhandeln. Fünf Tage lang zankten sich die Abgesandten und brachten außer einem in letzter Minute hastig zusammengestrickten Fahrplan für die nächste Verhandlungsrunde nichts zustande. Die fand im Juni hier bei uns in Bonn statt, brachte aber auch keine Ergebnisse. Bis gestern tagten dann Unterhändler aus 192 Ländern in Panama, um den nächsten großen UN-Klimagipfel in Südafrika vorzubereiten, der am 28. November beginnt. Leider muss man davon ausgehen, dass auch dort kein verbindliches Abkommen geschlossen wird, das zum Nachfolger des 2012 auslaufenden und weitgehend wirkungslosen Kyoto-Protokolls werden könnte. Das in Kopenhagen formulierte Minimalziel, die Erderwärmung langfristig auf höchstens 2 Grad zu begrenzen, kann aber nach Ansicht vor Klimaforschern nur erreicht werden, wenn spätestens 2015 eine wirksame Strategie gefunden ist und sie dann auch entschlossen umgesetzt wird.

Insbesondere vor dem Hintergrund der sich ständig verschärfenden Schulden- und Finanzmarktkrise ist jedoch kaum zu erwarten, dass die Staatengemeinschaft sich zu den dringend notwendigen Schritten entschließt, um den Ausstoß von Klimagasen zu reduzieren. Und wenn bald noch weitere Milliardenpakete zur Bankenrettung oder als Hilfen für bankrotte Länder – dass Griechenland in die Staatspleite rutscht, erscheint unvermeidlich, auch Portugal, Italien und Spanien sind bereits angeschlagen – geschnürt werden, fehlt außerdem viel Geld, das für den Klimaschutz dringend gebraucht würde. Allein der EFSF genannte Euro-Rettungsschirm hat mittlerweile ein Volumen von 780 Milliarden Euro – das sind über eine Billion US-Dollar oder das Zweieinhalbfache des deutschen Bundeshaushaltes für 2011. Weitere 250 Milliarden Euro sind nach internen Berechnungen des IWF kurzfristig nötig, um europäische Banken aufzufangen, wenn Griechenland Bankrott anmeldet und seine Schulden nicht oder nur noch teilweise zurückzahlt. Aber auch dieses Geld fehlt bereits heute, denn alle europäischen Staaten sind mehr oder weniger überschuldet. Außerdem droht ihnen eine schwere Rezession, wodurch die Steuereinnahmen sinken und die Sozialausgaben steigen werden.

Wahrscheinlich erleben wir Ähnliches wie vor drei Jahren nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank, es könnte sogar schlimmer kommen. Mit aller Kraft wird das bestehende kapitalistische System – selbst Konservative sprechen längst vom Raubtierkapitalismus – gestützt, und mit Steuergeldern werden ausgerechnet jene Akteure wirtschaftlich am Leben gehalten, die vor drei Jahren und auch jetzt wieder die Krise verschuldet haben. Die obzöne Umverteilung des Reichtums von unten nach oben geht unvermindert weiter, Verluste werden der Allgemeinheit aufgebürdet, Gewinne kommen nur denjenigen zugute, die bereits wohlhabend sind. Investmentbanker und die unersättliche Profitgier der Reichen und Superreichen stürzen uns erneut ins Verderben, und wieder sollen wir mit Steuergeldern für die Rettung der Banken zahlen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen protestieren. Vor allem die junge Generation erkennt, dass sie um ihre Zukunft betrogen wird. Die Ausbildungs- und Berufschancen in vielen Ländern sind schlecht, die Jugendarbeitslosigkeit liegt oft extrem hoch, und neben einem gigantischen Schuldenberg erben die jungen Menschen einen kranken Planeten, der schon in wenigen Jahrzehnten teilweise unbewohnbar sein könnte.

Occupy Wall Street! gellt es nun durch einige amerikanische Städte, und man kann sich nur wünschen, dass diese Bewegung schnellstens mächtigen Zustrom findet. Für den 15. Oktober um 12:00 Uhr ist im Frankfurter Bankenviertel eine Demonstration geplant, die unter dem Motto Occupy:Frankfurt steht. Gegenwärtig wird weltweit in zahlreichen Städten zu Solidaritätsdemos aufgerufen, um den Protest gegen Korruption, Lobbyismus und die Handhabung der Finanzkrise hörbar und sichtbar zu machen. Nur durch Massenproteste und hoffentlich friedliche Aufstände kann ein Kurswechsel bewirkt werden, dessen bin ich sicher. Ob und was ich hier schreibe, interessiert kaum jemanden, da mache ich mir keine Illusionen. Aber die zerstörerischen Kräfte einer globalisierten Wirtschaft, insbesondere der Finanzbranche, lassen sich nur stoppen, wenn breite Massen dies verlangen und dadurch den zögerlichen und oftmals erschreckend naiven Politikern jenen Druck machen, der sie zum Handeln zwingt. Wenn wir nicht laut und unbequem sind, wird man uns nicht ernst nehmen. Wir müssen uns empören, oder das Verhängnis nimmt weiter seinen Lauf.

8. Oktober 2011 - 14:17

Kommentare

Bild von 10000Fragen
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Ich kann den Frust verstehen. Aber die Welt ist leider nicht so, dass der noch so große Einsatz weniger, schnell viel bewirkt. Zu glauben, dass eine tolle Site und intelligente Beiträge die Menschen massenhaft zum umdenken bringt ist gelinde gesagt - naiv. Sorry.
Auch mir geht es nicht viel anders. Aber: auch die kleinen Mosaiksteine bewirken etwas! Hier ein Blogeintrag, dort ein Gespräch - jeder Einsatz wirkt. Nicht heute und zu 100%, aber doch langfristig. Leider regiert zu oft die Dummheit und die ist hartnäckig. Aber auch nicht unbesiegbar. Also dranbleiben. Axel

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Vielen Dank für das Kompliment, Axel, aber wir haben nie gedacht, dass eine handwerklich ordentlich gemachte Website mit intelligenten Beiträgen die Menschen massenhaft zum Umdenken bringen könnte. Nur etwas mehr Interesse von Freunden und Gleichgesinnten hätten wir uns gewünscht.

Aber egal, es ist wie es ist. Ich bin jedenfalls froh, dass ich meine Überzeugungen zu den wichtigsten globalen Themen einmal in schriftliche Form gebracht habe, auch wenn das kaum Echo fand. Deine Überzeugung, dass auch die kleinen Mosaiksteine etwas bewirken, erfüllt mich mit Skepsis. Mit dem Verein HOPE e.V. habe ich in Nepal dreizehn Jahre lang winzige Wassertropfen auf einen riesigen heißen Stein fallen lassen. Nun gibt es dort ein gutes Dutzend neue Schulen, drei ordentliche Gesundheitsstationen und fünf dörfliche Gemeinden haben funktionierende Trinkwassersysteme. Das ist gut, hat sicher auch schon ein paar Leben gerettet und vielen Kindern durch bessere Schulen neue Zukunftschancen eröffnet.

Aber was für eine Zukunft erwartet sie? Ein Leben auf einem Planeten, der schon in wenigen Jahrzehnten teilweise unbewohnbar sein wird und auf dem 7, 8 oder 9 Milliarden Menschen ums Überleben kämpfen. In Nepal habe ich Demonstrationen organisiert und wurde verhaftet, als sich im Mai 2006 das Volk gegen den despotischen König erhob und nach 18 blutigen Tagen die Republik ausgerufen wurde. Bis heute hat das Land keine Verfassung, obwohl die demokratisch gewählte verfassungsgebende Versammlung seit fast fünf Jahren tagt, und in Nepal herrscht weiterhin das gleiche korrupte Chaos. Wir müssen abwarten, wie sich die Dinge in Tunesien, Ägypten und Libyen entwickeln, aber oftmals sind die reaktionären Kräfte stärker als die der Aufklärung. Die Bilder aus Kairo, wo vor zwei Wochen 26 koptische Christen zu Tode kamen, viele von Panzerwagen des Militärs überrollt, lassen bei mir keine große Hoffnung aufkommen.

In einem Punkt stimme ich dir zu. Du schreibst: "Leider regiert zu oft die Dummheit und die ist hartnäckig." Dazu ein Zitat von Erich Kästner: "Die Dummheiten wechseln, aber die Dummheit bleibt." In diesem Sinne sollten wir die Hoffnung zwar nicht aufgeben, uns aber auch nicht wundern, wenn sich kaum etwas ändert.

Beste Grüße von Johannis

"Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll." Georg Christoph Lichtenberg

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Hi Johannis,

und ich habe schon gedacht ich halluziniere, als ich nach so langer Zeit hier tatsächlich einen neuen Blog Beitrag gesehen habe.

Tja, leider glauben die meisten immer noch es handele sich um eine Eurokrise und wir würden die ach so "pösen" Griechen, Iren und bald auch Italiener, Spanier und Portugiesen mit userem Geld unterstützen.
Auch ich bin mittlerweile zu müde und frustriert diesen Mist immer wieder aufs neue zu erklären.
Mist, ich hatte die Tage einen kleinen Animationsfilm der Gewerkschaftjugend von Verdi gesehen, finde ihn jetzt aber nicht mehr wieder. Ist zwar stark vereinfacht und aus meiner Sicht auch nicht 100% richtig, aber dafür auch für Bildzeitungsleser zu verstehen ;-)!

Wünsche noch einen frustfreien Tag

T@cky