Ewig das schlechte Gewissen

Ich schreibe grad an einem Artikel über Kosmetik und Körperpflege, in dem es auch um all die fragwürdigen chemischen Stoffe gehen wird, die wir uns vertrauensvoll auf die Haut tun. Als ich eine Frau aus unserem (leider immer noch sehr kleinen) Team über ihre Meinung zu diesem Thema befragte, schrieb sie: „Bin zwar gespannt auf den Artikel, befürchte aber, dass sich dadurch die Anzahl der Dinge, derentwegen man permanent ein schlechtes Gewissen und ungutes Gefühl hat, noch erhöhen wird.“ Das hat mich nachdenklich gemacht.

Vorletzte Woche habe ich einer Reihe von Freunden Mails geschickt und sie um Feedback zu GlobalUturn gebeten. Sie sollten sich diese Plattform mal in Ruhe anschauen und mir ihre Eindrücke, Kritik und Anregungen mitteilen. Dabei schrieb ich meinen Freunden, „dass uns alles interessiert, was positiv oder negativ aufgefallen ist, und ganz besonders die Dinge, an denen du dich gestört hast.“ Die Resonanz war unterschiedlich, aber kaum jemand hat wirklich Kritik geübt. Dabei ist klar, dass GlobalUturn längst nicht perfekt ist, und ich bezweifle, dass meinen Freunden hier alles gefällt. Trotzdem haben sie entweder freundlich applaudiert oder geschwiegen.

Interessanterweise hatten gleich mehrere Leute spontan versprochen, sie würden sich die Plattform gründlich anschauen und mir postwendend Rückmeldung geben, nur um sich nach einer Woche zu entschuldigen und das Ganze auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Auch das stimmte mich nachdenklich. Kann es vielleicht sein, dass die Themen von GlobalUturn abschreckend sind, weil die Besucher mit den großen ungelösten Problemen der Menschheit in Berührung gebracht werden? Stellt das unsere eingespielten Verdrängungsmechanismen, die wir zum Überleben in dieser zunehmend verrückten Welt brauchen, zu sehr in Frage? Ist GlobalUturn als Seite zu komplex und moralisierend, einfach unsexy?

Meine Teamkollegin warnte mich wegen des Beitrags über Kosmetik und Körperpflege. Wir sollten darauf achten, dass GlobalUturn nicht allzu besserwisserisch und belehrend erscheint. Damit hat sie Recht. Aber wie soll man unerfreuliche oder sogar existenzbedrohliche Tatsachen beim Namen nennen, ohne den Leuten dabei die gute Laune zu verderben? Es ist ein schmaler Grat zwischen Rücksichtnahme und Beliebigkeit, zu viel sachliche Neutralität kann langweilen. Ohne unbequeme Wahrheiten ist der nötige Wandel kaum möglich. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass – wenn es nach diesem Motto gehen soll, wird sich global nichts ändern.

Und was sagen die Leser dieses Beitrags? Ist GlobalUturn zu komplex und unsexy? Sehen Sie zwischen den Zeilen immer den erhobenen moralischen Zeigefinger? Glauben Sie, dass Menschen sich durch mehr Information zu echten Verhaltensänderungen bewegen lassen, oder muss immer erst ein Unglück geschehen? Ich bin gespannt auf Ihre Meinung.

 

25. Juli 2010 - 9:30

Kommentare

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Lieber Johannis,

gewiß werde ich hier noch öfters vorbeischauen. Habe auf „Wasser und Erde“ auch schon einen Link gesetzt.

Gruß,
Anna

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Vielen Dank, Anna, das ist eine gute Idee. Hoffentlich folgen möglichst viele Besucher diesem Beispiel und helfen uns, GlobalUturn bekannt zu machen. Bestimmt gibt es eine Vielzahl von Foren und Webseiten, wo ein Hinweis auf www.global-u-turn.org nicht schaden würde.
Herzliche Grüße,
Johannis

"Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll." Georg Christoph Lichtenberg

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Komplex natürlich schon. Zu komplex – nein; ich würde sagen: adäquat.
„Zu unsexy“ ist für mich keine Kategorie. Eigentlich weiß ich immer noch nicht so recht, was damit in diesem Zusammenhang gemeint ist. Erfahrungsgemäß ist es ein Stellvertreterbegriff, der verwendet wird, wenn man eine Begründung sucht dafür, daß etwas nicht im gewünschten Maße populär ist.
Was den erhobenen moralischen Zeigefinger betrifft, so sehe ich ihn. Aber das ist gewissermaßen der Sinn der Sache, oder? Mich stört er jedenfalls nicht. Es geht ja darum, daß wir Schwächen bei uns und im System erkennen, um gegen sie ankämpfen zu können.

Um allgemeiner zu werden: Diese Plattform finde ich bisher sehr ansprechend. Eine Sache empfinde ich allerdings als störend: Die Schriftfarbe ist für meine Augen zu hell. Ja, ich geb’s zu, ich werde zunehmend nachtblind, komme aber bisher im Alltag gut damit zurecht, kann sogar noch im Dunkeln Fahrrad fahren. Aber das Lesen dieser Seiten finde ich anstrengend.

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Hallo AnnA,
vielen Dank für den interessanten Kommentar. Natürlich ist "unsexy" nur ein Versatzstück moderner Alltagssprache, ein Wortbrocken, der wohl in erster Linie besagen soll, dass eine Sache oder ein Thema nicht besonders attraktiv ist, keinen hohen Unterhaltungswert oder Spaßfaktor hat. Und selbstverständlich haben Sie Recht, denn die ernsthafte Auseinandersetzung mit den teilweise schockierenden Zuständen auf diesem Planeten kann zwangsläufig nicht besonders unterhaltsam oder gar spaßig sein.

Auf jeden Fall freut es mich, dass Sie unsere Plattform ansprechend finden. Wegen der Schriftfarbe werde ich mit den Webdesignern sprechen und sie fragen, ob wir ein etwas dunkleres Grau wählen sollten. Inzwischen könnten Sie sich behelfen, indem Sie den Kontrast an Ihrem Monitor etwas höher einstellen.

Ich bedanke mich nochmals für die Anregung und hoffe, dass Sie GlobalUturn auch zukünftig regelmäßig besuchen und sich am Diskurs beteiligen werden.

Beste Grüße,
Johannis Jappen 

"Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll." Georg Christoph Lichtenberg