Hunger & Armut

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Wunsch und Wirklichkeit
Im September 2000 wurden die UN-Millenniumsziele formuliert. In einer gemeinsamen Erklärung einigten sich alle Mitgliedsstaaten der UNO auf acht Entwicklungsziele zur Gewährleistung einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Weltentwicklung. Reiche und arme Länder verpflichteten sich gemeinsam, bis zum Jahr 2015 die Armut radikal zu reduzieren, die menschliche Würde und Gleichberechtigung zu fördern, sowie Frieden, Demokratie und ökologische Zusammenarbeit zu verwirklichen. Zwei Drittel des eingeplanten Zeitraumes sind bereits verstrichen – was wurde erreicht?

Es ist niederschmetternd, aber die Lage hat sich in den letzten zehn Jahren nicht gebessert, sondern deutlich verschlimmert. 1990 hungerten laut FAO-Statistik weltweit 822 Millionen Menschen. Die Anzahl der Menschen, die an chronischem Nahrungsmangel leiden, ist inzwischen nicht etwa zurückgegangen, sondern hat im Jahr 2009 erstmals die Schwelle zur Milliarde überschritten. Eine Milliarde Hungernde weltweit – das heißt, dass jeder siebte Mensch Tag für Tag nicht genug zu essen findet. Diese Zahl bedeutet auch, dass etwa alle drei Sekunden ein Mensch verhungert, meist ist es ein Kind. 8.800.000 Hungertote wurden im Jahr 2007 gezählt, das sind pro Stunde mehr als tausend abgemagerte Körper, fast 25.000 verhungerte Menschen an jedem Tag. Man braucht mindestens zwei Fußballfelder, um all diese Toten dicht an dicht ins Gras zu legen. Tag für Tag zwei Fußballfelder voller Leichen, das ganze Jahr hindurch. Jedes Jahr sterben mehr Menschen an den Folgen von Unterernährung. Anstatt dem wichtigsten aller Entwicklungsziele näher zu kommen, wächst der Hunger in der Welt ungebremst. Wir kennen diese Zahlen, sind vielleicht sogar erschüttert, wenn wir uns von der Dimension des Leids berühren lassen. Wieso ändert sich nichts? Warum nimmt der Welthunger zu?

Warum werden Kleinbauern nicht satt?
Betrachtet man den Überfluss an Nahrung in den Industrieländern, die Vielfalt auf den Märkten und in den Regalen unserer Supermärkte, wundert sich mancher, wieso ein Siebtel der Weltbevölkerung hungert. Gibt es etwa nicht genug Ackerland, nicht ausreichend Fische im Meer? Doch, im Grunde schon. Bei optimaler Bewirtschaftung der Äcker und sinnvoller Verwertung der Ernten könnte dieser Planet theoretisch sogar zehn Milliarden Menschen ernähren. Zu geringe Mengen an verfügbarer Nahrung auf den Weltmärkten sind selten Ursache des Hungers. Menschen hungern, weil Nahrung nicht dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird, oder weil erhältliche Lebensmittel nicht bezahlbar sind.

95% der Hungernden leben in den Entwicklungsländern, die Hälfte davon sind Kleinbauern. Sie leben von Subsistenz-Landwirtschaft, also von dem, was sie selbst auf kleinen Flächen anbauen. Weil die Erträge oftmals nicht ausreichen, müssen sie zusätzlich als Tagelöhner arbeiten, um das Überleben der Familien zu sichern. Kleinbauern können bei Bedarf meist keine Lebensmittel hinzukaufen, weil das Geld fehlt. Fällt ihre Ernte schlecht aus, müssen sie hungern. Fast ein Viertel aller Hungernden sind landlose Bauern, rund 20 % leben in den Slums der Großstädte, etwa 10 % sind Fischer und Viehzüchter. Auch diese Gruppen sind wegen struktureller Armut extrem vom Hunger gefährdet.

Einige Ursachen des Hungers
In der Dritten Welt erbringt die meist wenig effiziente Landwirtschaft wegen primitiver Anbau- und Lagerungsmethoden und fehlender Gelder für Dünger, Pflanzenschutzmittel und Saatgut oftmals nur niedrige Erträge. Hinzu kommen klimatische und politische Hindernisse, denn in vielen Entwicklungsländern wird die Lage durch Dürre oder Überschwemmungen, bewaffnete Konflikte, Korruption und schlechte Regierungsführung verschärft. Mangelhafte Infrastruktur und geringe Bildungschancen erschweren die Lage zusätzlich. Wenig ertragreiches oder fehlendes Ackerland, Klimaprobleme und politische Unsicherheit sind demnach verbreitete Gründe für Hunger und Not. Doch der strukturelle Mangel wird vielfach durch Einflüsse von außen verstärkt, manchmal sogar erst hervorgerufen.

Subventionen für mehr Armut
Die westlichen Industrieländer geben ein Mehrfaches ihrer Entwicklungshilfegelder aus, um Produkte aus der Dritten Welt durch Handelsbarrieren und üppige Subventionen für die eigene Landwirtschaft von ihren Märkten fernzuhalten. Wegen fehlender Industrien können die Entwicklungsländer meist nur mit Agrarprodukten handeln, aber es wird ihnen vielfach unmöglich gemacht, ihre Produkte zu fairen Preisen zu exportieren. Gleichzeitig haben Kreditgeber, wie z. B. die Weltbank und der IMF, im Gegenzug für gewährte Entwicklungshilfe wiederholt massive Strukturanpassungen erzwungen.

Vielfach bedeutet dies, dass die Märkte in der Dritten Welt den reichen Geberländern offen stehen und sie dort ungehindert investieren, produzieren und handeln können. So überschwemmen beispielsweise Getreide aus Überproduktion und große Mengen hoch subventionierter Fleisch- und Milchprodukte die Märkte afrikanischer Länder und ruinieren dort die örtlichen Erzeuger. Wie soll beispielsweise ein kenianischer Geflügelzüchter überleben, wenn ihn die Aufzucht eines Huhns mehr als einen Euro kostet, während gleichzeitig aus der EU tonnenweise tiefgefrorene Hühnerteile für 50 Cent pro Kilo auf den lokalen Markt geworfen werden?

Sind Hunger und Elend gewollt?
Dasselbe Muster gilt für viele Bereiche. Billiges Import-Milchpulver macht die Haltung von Milchkühen unrentabel und stürzt die Besitzer von Viehherden ins Elend. Zusätzlich erhöht es die Säuglingssterblichkeit, weil weniger Mütter stillen und stattdessen das Milchpulver mit unsauberem Trinkwasser anrühren. Bauern erhalten als Werbegeschenk ein Jahr lang kostenloses Hybrid-Saatgut und stellen im Folgejahr fest, dass die Rücklagen der eigenen Ernte nicht zur Aussaat taugen, und sie deshalb teures Saatgut von Unternehmen wie Pioneer und Monsanto kaufen müssen. An Küsten, wo Fischer seit Generationen in kleinen Booten aufs Meer hinausgefahren sind und mit dem Fang problemlos ihre Familien ernähren konnten, verhungern Menschen, weil große Trawler und Fabrikschiffe aus den reichen Industrieländern mit kilometerlangen Schleppnetzen die Fischgründe plündern.

Entwicklungshilfe wird meistens in Form von langfristigen, teils sogar zinsgünstigen Krediten gewährt. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass die Länder der Dritten Welt auch solche Kredite kaum tilgen konnten. So zahlen sie meist nur die Zinsen und schulden am Ende der Laufzeit um. Das heißt, sie nehmen neue Kredite auf, um die alten tilgen zu können. Dieser Teufelskreis hat dazu geführt, dass die meisten Entwicklungsländer massiv überschuldet sind. Insgesamt zahlen sie den reichen Geberländern pro Jahr mehr an Zinsen und Tilgung, als deren jährliche Entwicklungshilfe ausmacht.

Jahr für Jahr fließt also mehr Geld von den armen Nationen zu den reichen als umgekehrt. Gleichzeitig zwingen die schon erwähnten Strukturanpassungen die Entwicklungsländer zu rigorosen Sparmaßnahmen. Diese gehen fast immer auf Kosten der sozial Schwachen, denn oft wird bei den Ausgaben für Bildung, Gesundheitswesen und soziale Dienste gekürzt. Dadurch entsteht mehr Armut und Not, die Ziele von Entwicklungshilfe werden also torpediert.

Export schafft mehr Hunger
Um die Forderungen von IMF, Weltbank und anderen Kreditgebern erfüllen zu können, sind die Entwicklungsländer vielfach in eine Exportknechtschaft geraten, die indirekt den Hunger fördert. Statt Nahrungsmittel für den einheimischen Bedarf werden Agrarerzeugnisse für den Export angebaut, zur Schuldentilgung. In Kenia werden großflächig Schnittblumen, Kaffee und Tee statt Getreide und einheimischer Feldfrüchte angebaut. Diese Flächen gehen somit der Bevölkerung zum Anbau für Nahrungsmittel verloren.

Doch auch der Export birgt Gefahren. In Benin und Burkina Faso stammen große Teile der Exporteinnahmen aus dem Baumwollanbau. Durch Senkungen der Weltmarktpreise für Rohstoffe, meist von den führenden Handelsnationen erzwungen, sinken die Deviseneinnahmen. Zur Kompensation der Defizite verstärken Länder wie Benin und Burkina Faso ihre Exportproduktion, fördern damit den weiteren Verfall der Marktpreise und sorgen außerdem dafür, dass mehr wertvolles Ackerland mit Pflanzen bebaut wird, die niemanden satt machen.

Weniger Land, mehr Menschen
Von den insgesamt 14 Milliarden Hektar Landfläche auf diesem Planeten sind etwa 1,5 Milliarden Hektar theoretisch als Ackerland nutzbar. Pro Kopf sind im Durchschnitt 1400 Quadratmeter Ackerfläche nötig, um genug Pflanzen für die Ernährung einer Person anzubauen. Teilt man nun die 1,5 Milliarden Hektar durch die momentane Weltbevölkerung, zeigt das Ergebnis, dass aktuell pro Person rund 2150 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung stehen. Nicht viel, aber eigentlich genug.

Im Grunde braucht eine fünfköpfige Familie also mindesten die Fläche eines Fußballplatzes, um genug Nahrung anzubauen und überleben zu können. Leider verschwinden pro Jahr durch Bebauung mit Gebäuden und Straßen, Umweltzerstörung, Abbau von Bodenschätzen, Erosion, Wassermangel, Versteppung und die Ausdehnung der Wüsten gigantische Flächen vormals nutzbaren Ackerlands. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung stetig, zur Jahrhundertmitte werden voraussichtlich über 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Doch schon im Jahr 2035 wird die pro Kopf verfügbare Ackerfläche unter 1400 Quadratmeter gesunken sein, also weniger betragen, als das zur Ernährung eines Menschen notwendige Minimum. Das sind düstere Aussichten, weshalb Länder wie China schon heute fruchtbares Ackerland außerhalb der eigenen Landesgrenzen dazukaufen, besonders oft in Afrika.

Wahnsinn mit Methode
Erschwert wird die Lage der Menschen in jenen Ländern, wo Hunger und Armut alltäglich sind, durch eine Vielzahl besorgniserregender Entwicklungen. Dazu gehören: Spekulation mit Mais, Reis, Weizen und anderen Grundnahrungsmitteln an den internationalen Rohstoffbörsen; die Nutzung riesiger Ackerflächen zum Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe; sinkende Grundwasserspiegel in vielen Anbaugebieten; die Versalzung von Ackerland durch Überschwemmungen und steigende Meeresspiegel. Ein erheblicher Teil der weltweit produzierten Nahrungsmitteln geht durch Schädlinge verloren oder verdirbt bei der Lagerung, dies besonders in der Dritten Welt. Außerdem werden 40% der weltweiten Getreideernten zur Tiermast benutzt, obwohl zur Erzeugung eines Kilo Rindfleisches rund sieben Kilo Getreide verfüttert werden müssen und große Mengen Wasser nötig sind. Indien exportiert Getreide und Reis, obwohl bis zu 250 Millionen Inder unterernährt sind. Ähnliches gilt auch für Brasilien.

In Asien werden große Flächen fruchtbaren Lands für Teiche zur Garnelenzucht geflutet. Die dort eingesetzten Chemikalien und Antibiotika vergiften Umland und Trinkwasser, gleichzeitig werden jährlich Millionen Tonnen von Speisefischen zu Garnelenfutter vermahlen. Doch die Garnelen dienen nicht zur Versorgung der Asiaten mit Proteinen, denn die meistens stark mit chemischen Rückständen belasteten Krustentiere werden in Industrieländer exportiert. Kulturen wie Baumwolle, die stark bewässert werden müssen, sorgen in vielen Teilen Indiens dafür, dass Brunnen versiegen. Menschen in den Dörfern ganzer Landstriche leiden an Wassernot, weil kaum noch Grundwasser vorhanden ist. Profitgier korrupter Politiker, fehlende Gesetze, aber auch mangelnde Kontrolle der Umweltvorschriften machen es internationalen Konzernen leicht, in der Dritten Welt massive Gewinne einzufahren. Dabei nutzen sie vielfach die Armut der Menschen aus, indem oft nur Hungerlöhne gezahlt werden. Bereits jetzt verschärft der Klimawandel die bestehenden Probleme und sorgt für mehr Hunger und Armut.

Armut hat viele Ursachen
Das Erreichen der Millenniumsziele rückt in weite Ferne, die Halbierung des Welthungers bis zum Jahr 2015 erscheint unmöglich. Ein Grund dafür ist die komplexe Verflechtung verschiedener Ursachen, aus denen Armut und Hunger entstehen. Zu diesen Ursachen gehören nachstehend aufgezählte Faktoren, aber auch eine oftmals beschämende Unwilligkeit vonseiten der wohlhabenden Länder, bekannte Missstände zu beseitigen und wirksame Unterstützung gegen die Armut zu gewähren.

Bevölkerungswachstum
Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Weltbevölkerung nahezu vervierfacht. Im Januar 2010 lebten 7 Milliarden Menschen auf der Erde, ihre Anzahl wird bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf zehneinhalb Milliarden wachsen, wobei die Zunahme fast komplett in den Drittwelt- und Schwellenländern stattfindet. Grund für das hohe Bevölkerungswachstum in den armen Ländern sind z.B. das Fehlen staatlicher Rentensysteme. Eigene Kinder sind dort oftmals die einzige Altersversorgung. Hohe Kinderzahlen sind traditionell gewollt, denn viele Kinder bedeuten meist einen höheren sozialen Status, und sie werden als Arbeitskräfte in Landwirtschaft und Handwerk gebraucht. Obendrein muss vielfach die hohe Kindersterblichkeit ausgeglichen werden, die wiederum aus fehlender Gesundheitsvorsorge, rückständigem Verhalten und mangelnder Bildung resultiert. Statistisch gebären Frauen ohne Schulbildung dreimal mehr Kinder als Schulabsolventinnen.

Wirksame Familienplanung ist gerade in Ländern mit niedrigem Bildungsstand und ohne sexuelle Aufklärung extrem schwer. Außerdem kosten Verhütungsmittel Geld und werden teilweise aus religiösen Gründen abgelehnt. Gerade die römisch-katholische Kirche hat großen Anteil am ungebremsten Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt. Hinzu kommt, dass Frauen in vielen traditionell von Männern dominierten Kulturen nur geringe Rechte haben. Das gilt nicht nur für Wahlrecht oder die Möglichkeit zu Landbesitz, oftmals dürfen Frauen auch über den eigenen Körper nicht selbst bestimmen. Sie werden in steter Folge schwanger und bringen Kinder zur Welt, ob sie es wollen oder nicht.

Globalisierung
Die letzten Jahrzehnte standen zunehmend unter dem Diktat des freien Welthandels, der stark von den Industrieländern dominiert wird. Oftmals im Gegenzug für gewährte Entwicklungshilfe zwangen sie die Entwicklungsländer, Importbeschränkungen aufzugeben, Märkte zu deregulieren und der einheimischen Landwirtschaft Subventionen zu entziehen. Die Industrieländer selbst subventionieren jedoch sowohl ihre Landwirtschaft als auch den Export von Agrarüberschüssen in die Dritte Welt. Während weltweit 1,5 Milliarden Menschen pro Tag nur etwa einen Dollar zur Verfügung haben, wird beispielsweise jede europäische Milchkuh von der EU mit mehr als 2 Dollar am Tag subventioniert.

Egal ob Kaffee, Kakao, Mais, Kupfererz oder Erdöl – häufig sind die wirtschaftsschwachen und hoch verschuldeten Länder der Dritten Welt den Schwankungen der Weltmarktpreise schutzlos ausgeliefert, die zusätzlich von Spekulanten verstärkt werden. Der brutale Wettbewerb schadet besonders den armen Ländern, vor allem in Afrika. Nicht ohne Grund wird der entfesselte Welthandel als Auswuchs des erbarmungslosen Raubtierkapitalismus kritisiert. Besonders tragisch ist, dass auch die Deviseneinnahmen aus dem Rohstoffhandel vielfach nicht in die leeren Staatskassen der Entwicklungsländer fließen, sondern oft auf die Konten einer raffgierigen und skrupellosen Oberschicht oder in die Taschen korrupter Beamter und Politiker.

 

Diktatoren & Co.
Nur wenige der von Armut und Hunger betroffenen Staaten werden demokratisch geführt, häufig sind gerade die ärmsten Menschen Opfer der ungehemmten Bereicherungssucht habgieriger Autokraten. Nicht nur die Einnahmen aus dem Handel mit Rohstoffen und Agrarprodukten werden dem Volk durch Vetternwirtschaft und Korruption gestohlen, auch die Gelder aus der Entwicklungshilfe werden vielfach veruntreut. Zum Teil halten sich Diktatoren, Militärregime und andere Despoten über Jahrzehnte an der Macht, unterdrücken die von ihnen regierten Völker, und häufen gleichzeitig gigantische Vermögen an. Feudale Strukturen, wie sie in Südamerika verbreitet sind, sorgen außerdem dafür, dass riesige Ländereien nur wenigen Großgrundbesitzern gehören, die sie häufig sogar brachliegen lassen. Doch auch in Asien und Afrika ist Landbesitz nicht gerecht verteilt, was die Armut zusätzlich verstärkt.

Viele Länder, die z.B. nach dem Ende der Kolonialzeit die Demokratie einführten, finden nicht aus dem Teufelskreis der Armut heraus. Interne Machtkämpfe, fehlende Bildung, ineffektive Verwaltung und marode Infrastrukturen sind ein idealer Nährboden, auf dem Armut gedeiht. Studien haben gezeigt, dass gerade in Ländern mit einem Bruttoinlandsprodukt von unter 3000 US$ pro Jahr (zum Vergleich, das BIP von Deutschland lag 2007 bei knapp 40.000 US$) kaum stabile Demokratien etabliert werden können. Dies ist nicht verwunderlich, denn solange die Menschen Tag für Tag ums Überleben kämpfen müssen, bleibt die Teilnahme an demokratischer Meinungsbildung und aktiver politischer Teilhabe für sie meist zweitrangig. Insofern sorgt schlechte Regierungsführung in vielen Drittweltländern für Hunger und Armut. Gleichzeitig ist Armut eine gute Grundlage für den Fortbestand korrupter und despotischer Regimes.

Armut ist kein afrikanisches Phänomen
Es soll nicht vergessen werden, dass die Armut auch abseits der humanitären Brennpunkte wächst. Rund 150 Millionen Hungernde leben nicht in den Entwicklungsländern, sondern überwiegend in Lateinamerika, den ehemaligen Ostblockstaaten oder im nahen Osten. Auch in Europa oder den USA hungern Menschen, allein in New York nutzen mehr als eine Million Bürger die öffentlichen Suppenküchen. Hier in Deutschland haben die Tafel-Läden großen Zulauf und ständig mehr Menschen sind auf kostenlose Lebensmittel angewiesen. Die Folgen der Finanzkrise, die im Herbst 2008 begann, werden die Armut in vielen Industrieländern zunehmen lassen. Das wird die oftmals schon krassen sozialen Gegensätze weiter verschärfen. Vom Bankrott bedrohte Länder wie Irland oder Griechenland müssen ihre Staatsdefizite durch harte Einschnitte bei den Sozialausgaben abbauen und verschlimmern dabei die Armut. Es ist zu befürchten, dass dies zu sozialen Unruhen und sogar zu Volksaufständen führen wird.

Gibt es einen Ausweg?
Wie schon die Länge dieses Textes zeigt, sind Welthunger und globalisierte Armut sehr komplexe Probleme, für die kein einfaches Rezept existiert. Es gibt jedoch eine Reihe von Lösungsansätzen und verschiedene Möglichkeiten, um die Probleme zu bekämpfen. Leider fehlt oft nicht nur das Wissen über die Zusammenhänge, sondern vor allem der politische Wille. Wie weiter oben ausgeführt, besteht sogar ausgeprägtes wirtschaftliches Interesse am Fortbestand der Armut, so skandalös das klingen mag. In Zeiten globalisierter Absatzmärkte und des unbegrenzten Warenverkehrs findet sich immer jemand, der Nachteile in Kauf nehmen müsste, wenn wirksam gegen den weltweiten Hunger und die strukturell bedingte Armut vorgegangen würde. Unternehmen würden zumindest kurzfristige Profiteinbußen hinnehmen, Bauern auf widersinnige Subventionen verzichten, Verbraucher leicht erhöhte Preise akzeptieren müssen. Sind wir schon dazu bereit?

Leben von einem Dollar am Tag
Wahrscheinlich noch nicht, denn die 25.000 Menschen, die Tag für Tag an Hunger sterben, sind eine gesichtslose Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die in fernen Ländern sterben und hastig in flachen Gräbern verscharrt werden. Sie haben keine Fürsprecher, die es mit den Lobbyisten der weltweiten Agrarwirtschaft aufnehmen oder Unternehmen trotzen könnten, die viel Geld mit Waffentechnik verdienen. Verschiedenen Schätzungen berechnen  allein die Kosten für den letzten Irak-Krieg mit ein bis drei Billionen US$.

Der US-Kongress bewilligte im Januar 2010 zusätzliche 136,8 Milliarden Dollar für die Kriegskosten im Irak und in Afghanistan – nur für das laufende Jahr. Dieser Betrag entspricht knapp der Hälfte des verfügbaren Jahreseinkommens aller Hungernden weltweit. Könnte man ihn gleichmäßig auf alle verteilen, würde diese Summe ausreichen, um eine Milliarde Menschen für ein Jahr aus der Armutsfalle zu befreien und satt zu machen. Der gesamte Verteidigungshaushalt der USA beträgt für 2010 etwa 700 Milliarden Dollar. Etwa dieser Betrag steht dem ärmsten Drittel der Weltbevölkerung pro Jahr zum Lebensunterhalt zur Verfügung. In den Entwicklungsländern reicht zur Existenzgründung meist schon ein Mikrokredit von einmalig 100 Dollar, um ein Kleingewerbe aufzubauen und dadurch das Auskommen einer Familie dauerhaft zu sichern.

Bildung
Der Verein HOPE e.V., Betreiber dieser Internet-Plattform, hat in den letzten Jahren rund ein Dutzend Schulen in Nepal gebaut. Dabei wurden bestehende, oftmals baufällige Schulen durch Neubauten ersetzt, oder renoviert und erweitert, und danach den nepalesischen Gemeinden übergeben. Die Kosten für Unterhalt, Lehrer und Unterrichtsmaterialien tragen wie zuvor die Kommunen, aber die Gemeinden verfügen nun über geräumige und funktionale Gebäude mit Sanitäranlagen und Trinkwasseranschluss. Die Kosten für einen zweistöckigen Neubau mit acht Klassenzimmern, groß genug für insgesamt 250 Schüler, belaufen sich je nach Standort und Bauweise auf etwa 50.000 Euro, wovon ein Viertel durch die Gemeinde aufgebracht wird, meist in Form von Baumaterial oder unentgeltlich geleisteter Arbeit.

 

In vielen Ländern der Dritten Welt sind die Bedingungen ähnlich. Baukosten sind meist sehr gering, weil das Lohnniveau niedrig ist. Nur zum Vergleich – allein mit den zusätzlichen 136,8 Milliarden US$ für die Kriege im Irak und Afghanistan könnte man in der Dritten Welt rund zwei Millionen Schulen mit je acht Klassenzimmern bauen lassen, genug für eine halbe Milliarde Schulkinder. Es fehlt also nicht unbedingt am Geld, sondern die vorhandenen Mittel werden für die falschen Zwecke ausgegeben. Hat die junge Generation eines Landes freien Zugang zu schulischer Bildung, bewirkt dies durchgreifenden Wandel sowohl für die einzelnen Menschen als auch für den Staat. Wissen ist Macht und Veränderung fängt im Kopf an. Das Verständnis der Zusammenhänge ist die Grundvoraussetzung für einen Wandel zum Besseren – bei globalen Fragen genauso wie im Leben jedes Einzelnen.

Gesundheit
Armut bedeutet oftmals keinen Zugang zu Gesundheitsvorsorge und medizinischer Behandlung. In vielen Drittweltländern sind Ärzte rar und Krankenhäuser schlecht ausgerüstet, Behandlungskosten tragen die Patienten selbst. Medikamente sind aber für Menschen, die nicht genug zu essen haben, normalerweise unbezahlbar. Unterernährte Kinder entwickeln sich schlecht und bleiben körperlich und geistig hinter ihren Altersgenossen zurück. Vitamin-A-Mangel, Durchfallerkrankungen durch unsauberes Trinkwasser, Kinderlähmung, Malaria oder HIV-AIDS – es gibt viele Gefahren. Sie und viele andere Erkrankungen können das Leben eines Menschen ruinieren oder zum Tod führen. Vorsorge, Aufklärung und Behandlung ist in den meisten Fällen möglich und oft nur mit geringen Kosten verbunden, findet aber in den Drittweltländern viel zu selten statt.

Würden gerade in den ärmsten Ländern, wo das Bevölkerungswachstum sehr hoch ist, mehr Mittel in den Ausbau der Gesundheitssysteme, Impfungen und preiswerte Medikamente investiert, hätte dies eine Reihe positiver Folgen. Kranke Menschen würden geheilt, Kinder wüchsen gesünder auf und das Bevölkerungswachstum ginge zurück. Gleichzeitig müssten wir Bewohner der wohlhabenden Industrieländer uns nicht länger dafür schämen, dass wir das Leiden in der Dritten Welt mehr oder minder ungerührt hinnehmen.

 

Gleichberechtigung
Die Stärkung der Frauenrechte ist ein hochwirksames Werkzeug gegen Armut und Hunger. Frauen leisten in den meisten Entwicklungsländern einen Großteil der Haus- und Feldarbeit, ziehen die Kinder auf und ergänzen das Familieneinkommen oftmals durch Arbeiten wie Weben, Brauen oder Tierhaltung. Starke Frauen sind fast immer ein Garant für die Überlebensfähigkeit der Familie. Mädchen, die zur Schule gehen durften, sorgen später dafür, dass ihre Töchter auch eine Schulbildung bekommen. Analog zum Westen, wo erwiesen ist, dass Frauen in Führungspositionen entscheidend zum Erfolg von Unternehmen beitragen, ist das Frauenwahlrecht ein Schlüssel für das Funktionieren demokratischer Systeme. Sexuelle Aufklärung und Familienplanung sowie Bildungsprogramme für Mädchen und Frauen tragen entscheidend zum Fortschritt und Entwicklungserfolg eines Landes bei. Leider stemmen sich Männer vielfach erbittert gegen die Stärkung der Frauenrechte, und lehnen in traditionell patriarchalischen Gesellschaften jede Veränderung der Geschlechterrollen ab.

Nachhaltigkeit
Unter diesen etwas schwammigen Begriff fällt eine Vielzahl von Themen. Trinkwasserversorgung, Klärung von Abwässern, die Vermeidung und ökologisch korrekte Entsorgung von Müll sind Komplexe, die direkt mit Städteplanung, Landflucht und dem steten Anwachsen von Slums und Elendssiedlungen rund um die wuchernden Metropolen  verknüpft sind. Bewahrung der Artenvielfalt, Verzicht auf Brandrodung, Kampf gegen illegale Abholzung, forcierte Aufforstung gegen Wüstenbildung und der schonende Umgang mit Grundwasser sind ein weiterer Bereich. Hinzu kommen die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge durch Förderung produktiverer und umweltschonender Anbautechniken, verbessertes Saatgut und Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit, aber auch durch Bildungsprogramme für Bauern. Die Reihe ließe sich noch um etliche Punkte erweitern, aber die allgemeine Bedeutung von Nachhaltigkeit sollte klar geworden sein.

Jeder für sich und alle gemeinsam
Die Ursachen für Hunger und Armut sind vielfältig und man könnte angesichts der überwältigenden Not in vielen Ländern verzweifeln. Aber jeder Einzelne hat eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung. Wir können fair gehandelte Produkte kaufen, im Alltag und Urlaub auf Dinge verzichten, welche Armut nachweislich fördern, und bei politischen Entscheidungen gegen die Fortsetzung von ungerechten Handelsbeschränkungen und Subventionen stimmen. Jeder hat stets die Wahl und mehr Macht, als man gemeinhin denken mag. Die Mittel zur Bekämpfung der Armut und für ein faires Miteinander der Völker sind vorhanden. Wir müssen allerdings gemeinsam dafür sorgen, dass sie nicht für Kriege, zur industriellen Tiermast oder zur Finanzierung von Maßnahmen vergeudet werden, die dann mehr Hunger und Armut bewirken.

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10. April 2010 - 20:43