Schlüsselerlebnis
Am Wochenende hatte ich Besuch von einem jungen Ehepaar aus Nepal. Von Kathmandu aus koordinierte sie früher unsere Projektarbeit, er hat seit 2009 ein deutsches Stipendium und steckt mitten in seinem Doktorandenstudium. Beide haben ökologische Fachrichtungen studiert und engagieren sich mit ganzem Herzen für Umweltschutz, aber auch für die wirtschaftliche und demokratische Entwicklung ihres Heimatlandes.
Auch in Nepal ist jetzt Regenzeit, und auch dort löst der Monsun jedes Jahr Erdrutsche und Überschwemmungen aus. Doch bisher halten sich die Folgen im Rahmen – kein Vergleich mit der katastrophalen Lage in Pakistan. Die junge Nepalesin kam kürzlich aus Chile zurück, wo sie ein Jahr geforscht hatte. Natürlich sprachen wir über das schwere Erdbeben und den Tsunami, durch die Teile des Landes im Februar verwüstet wurden. Auch nach dem 27. Februar wurde Chile wiederholt durch schwere Nachbeben erschüttert und unsere ehemalige Koordinatorin erzählte, dass die Menschen dort nächtelang kaum schliefen und stets bereit waren, bei neuen Erschütterungen aus ihren Häusern zu fliehen.
Als ich vor gut einem Jahr mit der Planung für diese Website begann, warnte mich ein Freund vor zu hohen Erwartungen. Mehr Informationen über die globale Lage würden wenig ausrichten, sagte er, die Menschen wären gut informiert über die existenziellen Bedrohungen, denen unser Planet und damit auch die Menschheit ausgesetzt ist. Und er hat offenbar Recht, denn bisher haben wir mit GlobalUturn wenig ausrichten können und das Interesse ist gering. Woran liegt das wohl?
Ich denke, vor allem an einer Tatsache. Auf dieser Plattform gibt es nur Worte und ein paar Bilder – echte Erfahrungen kann GlobalUturn nicht vermitteln. Das Bewusstsein der Menschen und ihre Gewohnheiten, das gesamte Denken und Handeln, lassen sich durch geschriebene Worte und digitale Bilder schwer beeinflussen. Wirkliche Veränderungen werden fast immer durch unmittelbare Erfahrungen ausgelöst. Wer wollte bezweifeln, dass die Flutopfer in Pakistan angesichts der verheerenden Überschwemmungen, oder Menschen in Russland, die ohnmächtig mit ansehen mussten, wie ihr zundertrockenes Land in Flammen aufging, den globalen Klimawandel als Realität ansehen? Wohl kaum jemand. Aber anderswo wird weiterhin über Klimaschutz gestritten, wird gezögert und verdrängt.
Es sind eben Schlüsselerlebnisse wie Flut, Feuer und Erdbeben, durch die das Bewusstsein der Menschen verändert wird. Wir können mit dieser Website keine Erfahrungen vermitteln, nur informieren, zur Diskussion einladen und zum Umdenken anregen. Wieweit dieses Angebot angenommen wird, lässt sich kaum beeinflussen. Soll ich deswegen hoffen, dass möglichst viele Menschen möglichst bald durch möglichst intensive Schlüsselerlebnisse aufgerüttelt werden?
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Kommentare
23 August 2010
1 Jahr 35 Wochen
Ich kenne das sehr gut.
Da kannste reden und tun und trotzdem, kaum dreht der angesprochene sich um, macht er weiter wie zuvor, als hätten seine Ohren nur Aliennesisch vernommen.
Der Mensch von heute hat das Problem, dass ihm alles im Übermass zur Verfügung steht und überall einer was von ihm will. Um sich selbst kümmert sich kaum einer, da das zum einen unpopulär ist und zum anderen, von allen Seiten etwas hier schreit und glitzert und funkelt. Echte Werte wie Freundschaft und Vertrauen, Gemeinschaft und Zusammenhalt gibts nicht mehr wirklich. Gabs auch glaube ich noch nie wirklich, zumindest nicht in grösseren Volksgruppen, wo die Anzahl der Leute unübersehbar war/ist.
Jeder jagt nur für sich und wirft lieber weg als zu teilen, er könnte ja zu kurz kommen. Verzicht ist sogar vollig ausgeschlossen. Er könnte ja was versäumen. Mussüberalldabeiseinismus nenne ich das;)
Schaun wir mal auf Myspace, Twitter, Youtube etc. Da gehts nur darum viele Freunde, follower zu haben, nicht darum, die richtigen, die einen Verstehen. Die Bezeichnung Freund wird dadurch abgewertet. Um richtige Freunde kümmert der Mensch sich und pflegt die Verbindung. das geht aber bei mehr als c.a 5 - 10 immer weniger. Was ist da erst bei tausenden, die du noch nie Live gesehn hast. Aber das ist heute unsere verbindung zueinander. Die Strassen sind leer, höchstens in den Geschäftsvierteln trollt sich eine Menge, die aber vom Shopping so vereinnahmt ist, dass sie nicht miteinander reden.
Wer kann z.B. bei Twitter noch filtern was für seine Follower oder ihn selbst intressant ist, wenn er 5000 leuten folgt um selbst zurückgefolgt zu werden? Jeder will nur dass die Anderen von seiner Sache erfahren, egal wie trivial sie ist, für deren Anliegen bleibt fast bis gar keine Zeit. Das ist dermassen oberflächlich ich könnt ausspucken!
Ich lehne auf Myspace, Youtube fast alle Freundesanfragen ab, weil ich gleichgesinnte will, keine Abschöpfer. Wüsste ich wie ich auf Twitter ablehnen könnte, würde ich es tun, aber ich schnalls nicht.
Es ist überall das gleiche, nur das ICH muss satt werden, wie, ist egal und ebenso wer dafür auf der Strecke bleibt. Erreichen tust du nur, wer eh schon in der Nähe war und nur noch Lücken füllen musste oder einfach ein Gleichgesinnter ist. Nur, um die gehts eher nebensächlich. Was zählt, ist die zu erreichen die eben ihren Fokus nur auf funkelndes, amüsierendes, Spassgesellschaftliches gerichtet haben.
Das zeigt, dass jeder selbst drauf kommen muss. jeder braucht den geeigneten Anlass für seinen Einstieg in tiefer führende Lebensschichten.
Wie du sagst: Wir können keine Erfahrungen vermitteln, nur informieren, zur Diskussion einladen und zum Umdenken anregen. - Um jemanden wirklich überzeugend zu erreichen, wäre es nötig, unsere Gefühle zu übersenden, aber das geht zumindest bis jetzt noch nicht.
20 November 2009
1 Woche 10 Stunden
Hallo Ganjageorge,
vielen Dank für den ausführlichen und sehr nachdenklichen Kommentar. Ja, es stimmt natürlich - im zunehmend hektischen Internet will fast jeder nur auffallen, wird wenig empfangen und viel gesendet. Werte wie Freundschaft und Vertrauen, Gemeinschaft und Zusammenhalt sind dort nur schwer lebbar, aber ich bin sicher, dass viele Menschen sie in ihrem Offline-Leben bewahren und sogar stärken. So geht es zumindest mir und meinen Freunden. Und ich habe durch das Internet schon neue Freunde gefunden, die aus dem Virtuellen ins Reale übergetreten sind, und wo man sich hilft und Anteil nimmt.
Du schreibst: "Um jemanden wirklich überzeugend zu erreichen, wäre es nötig, unsere Gefühle zu übersenden, aber das geht zumindest bis jetzt noch nicht." Offenbar haben dich aber geschriebene Worte hier auf GlobalUturn doch stark genug berührt, dass du dir viel Zeit für deinen Kommentar genommen hast. Wir müssen eben oftmals kleine Schritte machen, wo ein großer Sprung wünschenswert, aber unmöglich ist.
Herzliche Grüße von Johannis
"Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll." Georg Christoph Lichtenberg