Schmeckt's?
Fleisch ist ein Stück Lebenskraft – mit diesem Satz warb die deutsche Agrar-Marketinggesellschaft CMA im Jahre 1967 für den Fleischverzehr. Gut, die CMA behauptete auch, dass Milch müde Männer munter machen würde, was unbewiesen blieb. Aber Slogans wie „Isst Du kein Fleisch, dann fehlt Dir was" (1990), "Ewig lockt das Fleisch" (1991), „Fleisch, ja klar!" (2002) und "Schweinefleisch: Macht Lust und Laune" (2004) richteten sich an eine große Zielgruppe. 94 Prozent aller Deutschen essen Fleisch. Weil es ihnen gut schmeckt, weil sie es gewohnt sind, weil Fleischessen ganz normal ist, weil man für eine ausgewogene Ernährung ja Eiweiß braucht. Richtig.
Fleisch und Fisch, Butter und Milch, Eier und Käse – diese tierischen Nahrungsmittel bietet jeder Supermarkt im Überfluss. Sie sind aus unserem heutigen Alltag nicht wegzudenken und für viele Mitmenschen die Hauptquelle für Proteine, die unser Körper braucht. Außerdem schmeckt den meisten Leuten ein saftiges Steak, das knusprige Grillfleisch oder die zart geschmorte Hähnchenbrust einfach gut. Fleisch ist schnell gebraten, macht satt und kostet nur noch wenig Geld, seit es die modernen Tiermastbetriebe gibt. Wozu dann dieser Artikel?

Weil wir Deutschen zu viel Fleisch essen, fast jeder von uns. Weil wir das falsche Fleisch essen, weil Fleisch krank macht, unsere Umwelt zerstört und massiv das Klima belastet. Weil wir über die Art und Weise, in der Tiere aufgezogen, getötet und verarbeitet werden, diskutieren müssen, damit alle besser leben können – Tiere und Menschen. Weil es vernünftig und gesund, ethisch richtig und ökologisch notwendig ist, dass die Menschheit deutlich weniger Fleisch und andere Produkte aus Massentierhaltung konsumiert. Deshalb wurde dieser Artikel geschrieben.
Einerseits ist richtig zubereitetes Fleisch also lecker und es liefert wertvolles Eiweiß. Andererseits enthält auch Gemüse reichlich Eiweiß, besonders viel steckt in Hülsenfrüchten und Tofu. Und vegetarische Kost lässt sich ebenso schmackhaft zubereiten wie Fleisch. Ooops, da ist das Reizwort gefallen! Vegetarisch, das heißt doch lustlos, fad und monoton – Essen ohne Spaß. Natürlich stimmt das nicht, wie jeder weiß, der schon in Asien war. Thailand, Korea oder Indien sind sogar berühmt für ihre vegetarischen Spezialitäten, aber auch dort nimmt der Fleischverzehr in erschreckendem Maße zu.
Was ist denn so schlecht daran, Fleisch zu essen? Grundsätzlich nichts, solange man nicht aus ethischen Gründen gegen das Töten von Tieren ist. Es kommt wie immer auf das rechte Maß an, also darauf, wie viel Fleisch man isst und unter welchen Bedingungen dieses Fleisch produziert wird. Dazu möchte ich ein paar Zahlen nennen:
- Ein Durchschnittsdeutscher verzehrt pro Jahr rund 60 Kilo Fleisch, rund das Dreifache der ärztlich empfohlenen Menge.
- Im Laufe eines Lebens verputzt ein durchschnittlicher Fleischesser 4 Rinder, 46 Schweine, 4 Schafe, 45 Truthähne, 12 Gänse, 37 Enten und 945 Hühner.
- Zusätzlich zu den 7 Milliarden Menschen muss dieser Planet auch noch 4 Milliarden Nutztiere ernähren. In Deutschland leben etwa 27 Millionen Schweine, 50 Millionen Hühner und 13 Millionen Rinder.
- Die industrielle Massentierhaltung ist für mindestens 25 % aller global ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich. Das ist deutlich mehr, als der weltweite Straßenverkehr produziert. Neuere Berechnungen gehen sogar von knapp 50 Prozent aus.

- Etwa 40% der weltweiten Getreideproduktion wird für die Tiermast verbraucht, obwohl rund 10 Kilo pflanzliches Eiweiß verfüttert werden müssen, um ein Kilo tierisches Protein zu erzeugen.
- 90 % der im Amazonas-Urwald gerodeten Gebiete wurden zu Weideland. Auf einem Drittel der weltweiten Agrarflächen weiden Tiere. Die Massentierhaltung verbraucht immens viel Wasser, das den Menschen anderswo fehlt.
- Etwa eine Milliarde Menschen sind chronisch unterernährt. Oftmals können sie den lokal verfügbaren Reis, Mais oder Weizen nicht bezahlen, weil die industrielle Massentierhaltung die Weltmarktpreise nach oben treibt.
- Im neuen Hühnerschlachthof in Wietze bei Celle werden zukünftig 2,6 Millionen Tiere wöchentlich getötet. Das sind pro Stunde 27.000 Hühner oder Hähnchen, die oftmals per LKW aus dem Ausland kommen. Da die Europäer fast nur noch Brustfleisch essen wollen, werden tonnenweise gefrorene Hähnchenteile nach Afrika exportiert. Dort kosten sie oftmals nur noch 50 Cent pro Kilo. Durch diese Preise werden die einheimischen Geflügelzüchter ruiniert.
Reichlich Zahlen, werden Sie vermutlich sagen. Nicht schön, aber man kennt ja die Fakten. Und was soll ich jetzt tun, fragen Sie vielleicht. Weniger Fleisch essen, denn das ist gut für Sie. Wer wenig Fleisch isst, hat ein geringes Risiko, an Herz- und Krebsleiden, Gicht, Rheuma, Bluthochdruck, Osteoporose oder Adipositas zu erkranken. Die fleischarme Ernährung ist nicht nur eine Ursache für gute Gesundheit, sie nützt auch dem Klima und schützt die Umwelt. Außerdem verringern Sie das Leid der Masttiere, die fast immer unter abscheulichen Bedingungen aufwachsen und früh in gigantischen Schlachthäusern einen hässlichen Tod sterben.

Rinder sind Wiederkäuer, sie stoßen große Mengen Methan aus, das etwa 20mal so klimaschädlich ist wie CO2. Wir sollten daher weniger Butter, Käse und Milch konsumieren. Auch der Gesundheit zuliebe sollte man auf jedes zweite Ei verzichten und überhaupt bewusster essen. Wer weiterhin Fleisch essen möchte, sollte lieber einmal in der Woche ein Lammsteak aus artgerechter Tierhaltung essen, als täglich Schweinefleisch aus einem künstlich beleuchteten Maststall, in dem Schweine zu Tausenden auf Betonrosten in drangvoller Enge eingepfercht sind und sich kaum umdrehen können.
Erwarte ich ernsthaft, dass die Leser dieses Beitrags nun plötzlich Vegetarier werden? Nein, natürlich nicht. Ich selbst habe mich einige Jahre vegetarisch ernährt und esse heute gelegentlich Fleisch oder Fisch. Warum? Weil es mir schmeckt und auch weil ich immer wieder in Situationen gerate, wo ich durch meine Weigerung Fleisch zu essen die Gefühle meiner Gastgeber verletzen würde. Das kann eine alte Tante sein, die mir zuliebe einen saftigen Schmorbraten zubereitet hat. Oder es sind Dorfbewohner in Nepal, die mich und andere Gäste als Dank für das von HOPE e.V. finanzierte neue Schulhaus zum Essen einladen und eine Ziege geschlachtet haben. Es geht hier nicht um Dogmen oder einen Glaubenskrieg, sondern nur um Vernunft und gesunden Menschenverstand.

Der maßlose und unüberlegte Verzehr von industriell produziertem Fleisch ist schädlich. Er schadet Tieren und Erzeugern – viele Bauern hassen das moderne Mastsystem und würden gern wieder traditionell arbeiten – genauso wie Konsumenten und der Umwelt. Würde allgemein weniger Fleisch gegessen und deshalb auch weniger Getreide, Soja und Mais an Masttiere verfüttert, könnten Menschen in vielen Entwicklungsländern sich und ihre Kinder leichter ernähren. Und gleichzeitig würde das unermessliche Leid jener 4 Milliarden Kreaturen gemindert, die ein kurzes und elendes Dasein in Ställen und Käfigen erdulden müssen, nur damit sie gebraten auf unseren Tellern landen.
Initiativen für einen fleischlosen Tag pro Woche, für den sich viele Organisationen einsetzen (siehe z.B. www.vegi-tag.ch), Bücher wie „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer und Artikel wie dieser hier können dazu beitragen, dass sich unser Bewusstsein verändert. Heute sind bereits 18% aller amerikanischen Universitätsstudenten Vegetarier und der Verzicht auf Fleisch gilt nicht länger als Zeichen von lustfeindlicher Verschrobenheit, sondern als cool. Menschen, die viel und regelmäßig Fleisch essen, wird man schon bald sonderbar finden, gedankenlos und seltsam gestrig. Trotzdem ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Welt, in der Tiere als fühlende Wesen respektiert und nicht als lebendige Sachen behandelt werden, über die man nach Gutdünken verfügen kann.

Große Herausforderungen ergeben sich derzeit in den Schwellenländern wie Indien, China und Brasilien, denn dort wächst mit dem Wohlstand auch der Fleischkonsum rasant. Weltweit hat er sich in den letzten 40 Jahren verdreifacht, dieser Entwicklung muss dringend Einhalt geboten werden. Ähnlich wie beim Klimaschutz sollte der Wandel in den reichen Ländern des Westens beginnen, deren unsinniger Lebensstil in den Schwellenländern kopiert wird. Würde jeder Amerikaner auf nur eine Fleischmahlzeit pro Woche verzichten, könnten der Umwelt übers Jahr gerechnet so viel Klimagase wie von 5 Millionen Lastwagen erspart bleiben. Außerdem müssten rund 200 Millionen Tiere nicht gemästet und getötet werden. Wie dies geschieht, zeigt sehr eindrucksvoll der österreichische Film „Unser täglich Brot“. Unsere Seite Filmtipps bietet Informationen und einen Videolink zum Film.
Probieren Sie es aus und werden Sie Teil einer wachsenden Bewegung für Vernunft, Gesundheit und Gerechtigkeit. Führen Sie einen fleischlosen Tag pro Woche ein und steigern sich – wenn Sie möchten – dann langsam. Ein Umdenken hat begonnen, wie man an vielen Beispielen erkennen kann. Lesen Sie auf ZEIT-online das Interview mit dem amerikanischen Autor Jonathan Safran Foer, dessen Bestseller „Tiere essen“ heute am 19. August in deutscher Übersetzung erscheint. Foer wurde endgültig zum Vegetarier, nachdem er sich intensiv mit der industriellen Massentierhaltung befasste. Anstoß gab sein kleiner Sohn, der fragte, woher denn das Fleisch auf seinem Teller stammt. Diese Frage sollten wir alle uns immer wieder stellen.
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Kommentare
28 August 2010
1 Jahr 21 Wochen
Toller Artikel, tolle Site, tolles Engagement!
Werde regelmäßig über meinen Twitter-Account auf diese Site aufmerksam machen.
10 Juli 2010
1 Jahr 6 Wochen
Vom Vegetarierbund gibt's jetzt dieses schöne Video, in dem kurz und knapp das Wichtigste veranschaulicht wird:
www.youtube.com/watch
4 November 2009
17 Wochen 1 Tag
Hi,
Kein Fisch in der See, kein Wasser auf dem Feld: In "Hunger" zeigt das Erste, wie die Globalisierung Ernährungsprobleme in der Dritten Welt verursacht.
"Hunger", Montag, 22.45 Uhr, ARD
T@cky
10 Juli 2010
1 Jahr 6 Wochen
Dokumentation "Hunger" in der ARD Mediathek
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136