Wirtschaft & Politik
Der kurzsichtige Zwang zur Renditemaximierung
In den letzten Jahrzehnten hat sich in Wirtschaft und Politik parallel eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Egal, ob Staatsmänner oder Firmenbosse – es wird weniger langfristig geplant und gehandelt, sondern in immer kürzeren Zeiträumen gedacht. Bei vielen großen Unternehmen steht dahinter vor allem eine zunehmende Orientierung am Shareholder-Value, an den stetig steigenden Rendite-Erwartungen der Aktionäre und Kapitalmärkte. Eine ungünstige Quartalsprognose reicht, schon straft der Markt erbarmungslos ab, sinken Aktienkurse, Kreditgeber werden nervös und schnell droht die Übernahme durch finanzstarke Konkurrenten. Da heißt es stets am Ball bleiben, blitzschnell reagieren, den nervösen Tendenzen der globalisierten Märkte folgen, neue Strategien zur Renditemaximierung entwickeln, notfalls auch gegen bewährte Traditionen und Wertvorstellungen.
Antiautoritäre Erziehung für das Volk
In den westlichen Demokratien der Industrieländer findet ein ähnlicher Prozess statt. Politik – sofern sie nicht längst zur Schauveranstaltung verkommen ist, weil sie de facto nicht den Interessen der Wähler, sondern denen der mächtigsten Unternehmen dient – wird nicht vordringlich zum Wohle des Volkes gemacht, sondern zum Machterhalt. Alle vier oder fünf Jahre müssen sich die herrschenden Politiker zur Wahl stellen, und die Wähler sind wankelmütig in ihrer Gunst, sie verzeihen nicht. Zwar sinkt in fast allen Mehrparteiendemokratien die Wahlbeteiligung, die Politikmüdigkeit wächst und es scheint, als würde auch das Gedächtnis der Wähler schlechter. Dennoch werden die Regierenden für unpopuläre Entscheidungen erbarmungslos bestraft, auch wenn diese sinnvoll und notwendig waren. Insofern ähneln Wähler den Shareholdern – allerdings können sie ihre Meinung nicht täglich an den Börsen, sondern nur turnusmäßig an den Wahlurnen kundtun.

Notwendige, aber unpopuläre Gesetze werden daher möglichst schnell nach der Wahl verabschiedet, damit sie bis zum nächsten Wahltermin hoffentlich in Vergessenheit geraten sind. Oftmals handeln Staatenlenker wie verunsicherte Eltern, die ihren verzogenen Kindern jeden Unsinn durchgehen lassen, weil sie sich sonst lautes Protestgeschrei anhören müssten. Wer am lautesten schreit, setzt sich durch, auch wenn die Forderung den Interessen der Allgemeinheit zuwiderläuft. Dass antiautoritäre Erziehung auf Dauer nicht gut funktioniert, wissen wir seit den Tagen von Summerhill, denn Kinder brauchen Regeln und Grenzen. Das hindert führende Politiker jedoch selten daran, genau dieses untaugliche Konzept im Umgang mit dem Volk anzuwenden.
Das ewige Patt
Wurde dennoch eine unbequeme, aber notwendige Reform umgesetzt, wird sie oftmals von der nächsten Regierung wieder außer Kraft gesetzt. Viele Demokratien pendeln hin und her zwischen den konservativen und progressiven Lagern. Politik ist dabei vielfach zum Glaubenskrieg geworden, es geht um Marken und Marktanteile, nicht um die notwendigen und bestmöglichen Lösungen für Volk und Staat, nationale und globale Probleme. So bekämpfen beispielsweise die Republikaner in den USA erbittert alles, was mit Klima- und Umweltschutz zusammenhängt, weil sie bei wirtschaftlichen Fragen gegen jede Einmischung des Staats sind. Ihr Credo ist der allmächtige Markt, der alles zum Nutzen der Völker regelt. Daher muss nach Meinung der Republikaner jeder Eingriff des Staates verhindert werden, auch wenn er lebensrettend sein könnte.
Ähnliches erleben wir auch auf internationaler Ebene bei der UN, wo in den verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen wichtige Beschlüsse häufig durch das Veto einzelner Staaten verhindert werden. Fast immer geht es dabei um unipolare Machtinteressen oder wirtschaftliche Vorteile, selten um die Sache selbst.
Die Macht des freien Marktes
Nicht erst bei der Wirtschafts- und Finanzkrise im Herbst 2008 hat sich gezeigt, dass deregulierte und schlecht kontrollierte Märkte die Welt ins Chaos stürzen können. Durch die Globalisierung sind viele Unternehmen derart gewachsen, dass weltweit mehr als die Hälfte der hundert größten Ökonomien nicht etwa Staaten sind, sondern Unternehmen. Die multinationalen Konzerne haben es zu gewaltiger Größe und immensem Einfluss gebracht, sie sind mittlerweile kaum noch zu zähmen. Und in fast allen Ländern beeinflussen sie durch forcierte Lobbyarbeit, Parteispenden und Öffentlichkeitsarbeit sowohl die politischen Entscheidungen als auch die öffentliche Meinung massiv. Dies ist zwar ganz im kurzfristigen unternehmerischen Interesse, deckt sich jedoch leider nur sehr selten mit den langfristigen Interessen der Menschen auf diesem Planeten.
Man kann es jetzt im Jahr 2010 erneut beobachten. Auf den Finanz-märkten wird spekuliert wie vor der Krise, die Bonuszahlungen haben fast das alte Niveau erreicht. Banken und Finanzplätze wehren sich erbittert gegen neue Regeln und Beschränkungen, mit denen die Weltwirtschaft vor Neuauflagen der Finanzkrise geschützt werden soll. Die Schuldigen an der schwersten Krise seit 1929 bekämpfen mit aller Macht jene Maßnahmen, die verhindern sollen, dass sich solch ein billionenteures Fiasko wiederholt. Sie wehren sich, damit die Renditen der Banken und Hedgefonds nicht sinken. Dieselben Reflexe sind in fast allen Wirtschaftszweigen zu beobachten, maximale Renditen sind und bleiben das höchste Ziel. Die Erdöl- und Kohleproduzenten bekämpfen den Klimaschutz, die Pharmaindustrie leistet Widerstand gegen die Freigabe alter Markenrechte zur Herstellung preiswerter Medikamente für die Dritte Welt, die Fischereiindustrie stemmt sich gegen moderate Fangquoten, die den massiv überfischten Beständen eine Erholungspause gewähren soll. Überall dasselbe Schema – wen interessiert das Morgen, wenn heute Profite locken?
Das Leben im Elfenbeinturm
Die abgedroschene Prophezeiung der Cree-Indianer stimmt offenbar: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann". Wir stecken in einem Dilemma, denn die Unternehmen sind vielfach zu mächtig, die Parteipolitik ist zu kurzsichtig und an der jeweiligen Klientel orientiert, die Wähler sind enttäuscht oder zynisch, und inzwischen türmen sich die globalen Probleme. Gleichzeitig scheinen diejenigen, die sie lösen sollen, in Macht- und Grabenkämpfe verstrickt und auf eine seltsame Art entrückt. Viele Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse zeigen kaum Verständnis für die Lebensrealität der einfachen Menschen, es fehlt ihnen der Kontakt zu unserer Welt.
Sie sind ständig in Limousinen oder Privatflugzeugen unterwegs, abgeschirmt von ihren Leibwächtern, stehen stets im Rampenlicht oder vor laufenden Kameras, durchdrungen von der eigenen Wichtigkeit. Viele der Mächtigen verkehren nur noch miteinander, aber nicht in der Welt der Arbeitslosen oder Hungernden. Über 200 Millionen Menschen waren 2009 in den Industrieländern arbeitslos, eine Milliarde hungert weltweit. Der Planet Erde ächzt unter den Zerstörungen eines entfesselten Kapitalismus. In den Chefetagen und Parteizentralen geht es jedoch um Profitmaximierung und Steuererleichterungen, um liberalisierte Märkte und Subventionen, um die Eroberung neuer Märkte und Wählerumfragen.
Eine Hand wäscht die andere
Vielfach hat sich eine fatale Abhängigkeit herausgebildet, die jede sinnvolle Veränderung blockiert. Die Konzerne spenden den Parteien, um ihre Interessen durchzusetzen. Die Parteien finanzieren davon ihre Wahlkämpfe, um an der Macht zu bleiben. Echte Lösungen werden kaum vorgeschlagen, es herrscht das Prinzip des „weiter so“. Global existieren gigantische Mengen an vagabundierendem Kapital, aber nicht genug lukrative Anlagemöglichkeiten für all dieses Geld, das unbedingt vermehrt werden muss. Auch deshalb wird laufend in unethische oder schädliche Geschäftsmodelle investiert, denn oft zählen nur Wachstum und Rendite.
Fleißig Profite machen
Im Grunde ist es tragisch, aber sobald etwas in industriellem Maßstab betrieben wird, leidet häufig das Produkt. Kosten sinken, Gewinne steigen, Verlierer sind meist die Konsumenten oder die Umwelt. Landwirtschaft, Tierproduktion und Fischerei, aber auch Spielwaren, Lebensmittel und sogar Musik – der ständige Drang nach Wachstum, nach schneller, billiger, mehr wird irgendwann zum Boomerang. Erst wird jedes Mittel zur Einsparung bei Produktion und Vertrieb eingesetzt, oft auf Kosten der Qualität und der Arbeitnehmer, dann folgen Verdrängungskämpfe und Übernahmeschlachten. Schließlich wird der Markt von den Produkten gigantischer Unternehmen überschwemmt, die nach Monopolen streben und jeden gesunden Wettbewerb verhindern. Das lateinische Wort industria steht für Fleiß und Betriebsamkeit – leider bedeutet es heute oftmals Ausbeutung, Umweltzerstörung, brutalen Wettkampf und minderwertige, kurzlebige Produkte.

Sind wir wahnsinnig?
Albert Einstein sagte, Wahnsinn sei die Dummheit, immer das Gleiche zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten. Wir diskutieren seit Jahren über die maßlose Gier und den ungebremsten Wachstumshunger, von denen viele Unternehmen beherrscht werden. Kaum jemand hat den Mut, das Grundprinzip, demzufolge Unternehmen genau wie Volkswirtschaften ständig wachsen müssen, in Frage zu stellen. Eigentlich muss jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass stetiges Wachstum gekoppelt mit erheblichem Ressourcenverbrauch auf einem Planeten mit endlichen Rohstoffen und einer begrenzten Belastungsfähigkeit der Ökosysteme nicht möglich sein kann.
Eine Schwäche des globalisierten Kapitalismus liegt darin, dass vielfach das Verursacherprinzip nicht greift und die meisten Unternehmen für Schäden, die sie Umwelt und Allgemeinheit antun, nicht angemessen zur Kasse gebeten werden. Profite werden privatisiert, die Kosten – auch für die Rettung angeschlagener Unternehmen in Krisenzeiten – werden der Allgemeinheit aufgebürdet. Überall auf der Welt zahlen viele für die Gier von wenigen. Bisher ist kein Ende dieses Wahnsinns abzusehen.
Auch in der aktuellen Krise soll mehr Wirtschaftswachstum erneut das Heilmittel sein, niemand spricht von Nachhaltigkeit, Selbstbeschränkung oder gar Genügsamkeit. Seit vierzig Jahren wird über die Grenzen des Wachstums diskutiert und die Forderungen nach einer Reform des Kapitalismus werden lauter. Eins ist klar – wenn sich die vorherrschende Art des kurzfristigen Denkens und Wirtschaftens nicht ändert, werden die Lebensgrundlagen vieler Lebewesen, darunter auch die des Menschen, von maßloser Profitgier zerstört. Die Frage ist nur, was zuerst kommt – der ökologische Kollaps oder ein gezähmter, nachhaltiger ausgerichteter Kapitalismus?
Was kann man tun?
Am Ende dieser unvollständigen und deprimierenden Bestandsaufnahme sollten konstruktive Ansätze stehen. Was kann also geschehen, um die Lage zu bessern? Zuerst sei angemerkt, dass sich die Zustände weltweit – politisch wie wirtschaftlich – stark unterscheiden. Keineswegs können für demokratische Staaten wie Schweden oder Militärdiktaturen wie Myanmar dieselben Maßstäbe gelten. Länder wie die USA, die an ihrem unmäßigen Konsum zu ersticken drohen, müssen anders betrachtet werden als jene Staaten, die mühsam um die Erfüllung der Grundbedürfnisse ihrer Bürger ringen.

Für die notwendige Reform der globalen wirtschaftlichen und politischen Systeme gilt, dass der Einzelne sich einbringen muss. Als Individuum hat jeder nur begrenzten Einfluss, aber in vernetzten Strukturen kann daraus beträchtliche Macht entstehen. Konsumenten können Unternehmen zu Veränderungen zwingen, man denke nur an Shell und die Bohrplattform Brent Spar. Menschen in reichen Industrieländern können Gelder sammeln, um Opposition und demokratische Freiheitsbewegungen in Diktaturen zu unterstützen. Oft genug haben reiche Regierungen woanders Rebellen finanziert, um missliebige Staaten zu destabilisieren – warum sollen aufrechte Demokraten sich nicht im Kampfe gegen Diktatoren engagieren?
Wandel fängt im Kopf an
Es wird nicht ohne einen massiven Sinneswandel klappen, gerade in den wohlhabenden Industrieländern. Solange der Einzelne nur an seinen kurzfristigen Vorteil denkt, ist kein echter Wandel möglich. Eine friedliche Revolution des Bewusstseins, die dieser Planet so dringend braucht, wird von unten kommen müssen. Wir sollten als Wähler, Konsumenten und mündige Bürger jede Möglichkeit nutzen, um langfristiges Denken und eine nachhaltige Politik einzufordern. Ob dies in der heutigen politischen Landschaft gelingen kann, oder ob die Mehrparteiendemokratie ebenso reformbedürftig ist wie der globalisierte Kapitalismus, bleibt abzuwarten. Solange der Erhalt von Macht und Posten in der Politik Vorrang haben, diese Macht aber nicht energisch zum Nutzen der Allgemeinheit eingesetzt wird, bleiben viele Zweifel.
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